Bekannte Gesichter, soweit das Auge reicht. Schon beim Frühstück entdecken wir alte Freunde sonder Zahl. Das hohe Niveau des Verkoster-Panels begeistert uns. Wir sehen Braumeister, die selbst exzellentes Gebräu herstellen, erfahrene Biersommeliers und Biersommeliéren, Journalisten, die sich intensiv (oder sogar ausschließlich) mit dem Thema Bier auseinandersetzen, hochrangige Vertreter von Bier-Konsumentenschutzvereinen, Brauereiinhaber, Lehrende, Händler, Lobbyisten. Aus allen Gruppen die Besten der Besten. Mehr Männer, aber die anwesenden Frauen sind anerkannte Expertinnen. Höchst erfreulich auch die Internationalität des Teams. Die JurorInnen kommen von allen Kontinenten. Sogar der Vorsitzende des japanischen Brauereiverbandes ist mit dabei. Er darf das Holzfass zum Ausklang des Tages im Augustiner anschlagen. Was „o’zapft is!“ auf Japanisch heißt, haben wir aber leider nicht verstanden. Geballtes Bierwissen in den Hallen der Doemens Akademie, wo am 8. Oktober 2011 zum achten Mal die Sieger aus den Einsendungen herausgekostet werden. Wie bislang jedes Jahr konnte auch heuer eine Steigerung der Anzahl der teilnehmenden Biere erzielt werden, der Sprung von 2010 auf 2011 verlief sogar besonders deutlich. Im Vorjahr waren noch weniger als 1.000 Biere eingereicht worden, heuer konnten 1.113 Einreichungen verzeichnet werden. Auch die Anzahl der Bierstile wurde neuerlich, nämlich auf 49, erhöht (2010 waren deren vierundvierzig ausgeschrieben) – allesamt solche, „die ihren Ursprung in Europa haben“. Das erklärt auch, warum bei anderen weltweiten Prämierungen, wie etwa beim World Beer Cup, mehr Kategorien angeboten werden. Dennoch ist der European Beer Star für die ganze Welt offen, wenn auch nur „unverfälschte, charaktervolle und qualitativ hochwertige Biere“ eine Gewinnchance haben. Alle Brauereien, „die sich der traditionellen, europäischen Brauart verpflichtet fühlen“ sind mit ihren Bieren beim Beer Star herzlich willkommen. Die rund 100 Mitglieder der Jury werden in Kostkommissionen eingeteilt. Jede Kommission, die aus jeweils acht Mitgliedern besteht, wird von einem Tischkapitän geleitet, der von einem Stellvertreter unterstützt wird. Der Capo führt die Kommission durch den Tag. Zu Beginn jeder neuen Runde erinnert er die Teilnehmer detailliert an die Kriterien, welche die jeweilige Bierkategorie kennzeichnen. Schließlich dokumentiert er die Verkostungsergebnisse, errechnet die Punktezahlen. Der Tischchef ist in seinem Stimmrecht gleichrangig mit den anderen Mitgliedern seiner Kommission. In der Endausscheidung leitet er die Diskussionen und sorgt dafür, dass sich die Runde auf jeweils eine Gold-, Silber- und Bronzemedaille einigen können. Die Vorausscheidungen laufen unterschiedlich ab. Kriterium ist die Anzahl der eingereichten Biere pro Kategorie. Liegt diese unter zwölf, so findet nur eine Verkostungsrunde statt, eine „Endrunde mit Bewertung“. Dabei wird so vorgegangen wie in den Vorrunden: Jedes Kommissionsmitglied erhält einen Bewertungsbogen, auf dem einzelne Kriterien (Farbe, Duft, Rezenz, …, Gesamteindruck) mit Punktzahlen bewertet werden. Die Kriterien werden nicht gewichtet, für die meisten kann man null bis fünf Punkte geben, für die Farbe gibt es höchstens drei Punkte, für den Gesamteindruck maximal zehn. Alle Biere, die eine Vorrunde erfolgreich bewältigen, kommen in eine Finalrunde ohne Bewertung. Dabei stellen die VerkosterInnen die Biere vor sich hin und prüfen nach individuellen Riten, welche Biere ihrer Überzeugung nach die Besten der Besten sind. Daraus ergibt sich dann eine Diskussion, die vom Tischkapitän geleitet wird, mit dem Ziel, einstimmig Gold, Silber und Bronze festzulegen. Es liegt in der Natur der Sache, dass sich dabei Sieger manchmal sehr rasch herauskristallisieren. Gelegentlich wird allerdings auch heftig diskutiert. Dann werden neue Proben von den umstrittenen Bieren angefordert. Diskussionskultur und Intensität erklären sich daraus, dass sich alle VerkosterInnen darüber im Klaren sind, welche Verantwortung sie tragen. Ein European Beer Star, zumal einer in Gold, kann einer Brauerei einen ziemlichen Vermarktungsschub verleihen. Es tut jedem einzelnen Teilnehmer in der Seele weh, exzellente Biere aus dem Bewerb zu nehmen, wenn sie köstlich sind, aber nicht in den Bierstil passen. An Tischen in meinem Verkostungszimmer mussten wir zum Beispiel ein sehr helles Böhmisches Pils, einen süddeutschen Weizenbock mit intensiver, vordergründiger Hopfennote, ein Starkbier, dass in einer Vollbierkategorie eingereicht worden war, ein wunderbares Stout mit ausgeprägter Röstmalznote, das als dunkler Bock eingereicht worden war und ein weiteres Imperial Stout, das sich in die Kategorie dunkler Weizenbock verirrt hatte, ausschließen.
19.04.2012
Drei Säulen zum Erfolg
Das kluge und klare Design des Wettbewerbs, das exzellente Tasting Team und die vielen Helfer bei Doemens begründen das Gelingen des Bierwettbewerbs.
Doemens ist der ideale Ort für diese Veranstaltung, auch wenn die gute Schule bereits aus allen Nähten platzt. Neben den praktischen Räumen sind besonders die vielen Helfer- Innen zu erwähnen, ohne die der Bewerb nicht durchführbar wäre. StudentInnen der Doemens Akademie arbeiten schon im Vorfeld und natürlich während des großen Tages mit vollem Einsatz pro Beer Star. Sie sorgen dafür, dass niemand sehen kann, welche Biere eingeschenkt werden und dass nur Mitglieder der Teams in die Kostzimmer gehen. Sie servieren die Biere, holen die gebrauchten Gläser wieder ab. Jedes Glas wird mit einer Ziffer beschrieben, sodass auch während der Runden keine Verwechslungen möglich sind. Die meisten der eingereichten Biere haben uns VerkosterInnen das Leben schwer gemacht. Denn die Qualitätsdichte, vor allem in den Endrunden, war enorm hoch. Auch absolut betrachtet waren die meisten Biere ausgezeichnet. Das haben wir in anderen Verkostungen schon anders erlebt.
Die drei Erfolgssäulen
Die erste ist das exzellente Design des Contests. Klar verständliche Kategorien und jeweils ein Sieger, ein Zweiter, ein Dritter. Gold, Silber, Bronze – aus. So versteht jeder sofort, welchen Wert ein Beer Star in Gold hat. Dass zum Gewinn dieser Trophäe auch ein Quäntchen Glück gehört, ist klar. Zweitens: Die Qualität des Verkosterteams. Es wurde schon in der Einleitung erwähnt, dass nur ausgesuchte Profi s an den Verkostungen teilnehmen. Zum Dritten: Die ausgezeichnete Organisation. Schon Wochen vor dem Kosttermin treffen Pakete ein. Im Hof von Doemens stehen Kühlanhänger, nur so kann die Fülle bis zum Schluss bewältigt werden. Bei dieser Gelegenheit ein Appell an alle Einreicher: Bitte senden sie die Proben frühzeitig ab. Es kann sein, dass so ein Paket am Zoll länger „hängt“ als erwünscht. Auch heuer mussten einige Biere deshalb draußen bleiben. Die vielen HelferInnen während des Kosttages haben wir bereits gewürdigt.
Aber auch danach ist noch eine Menge Arbeit zu leisten. Auswerten, dokumentieren, die Presse versorgen – bis hin zur Organisation der Preisverleihungs- Gala, die im November, während der Brau Beviale in Nürnberg (oder in Zukunft alle vier Jahre zur Drinctec in München) stattfindet. Es ist wunderbar mitzuerleben, wie viele gute Biere es auf dieser Welt gibt. Wir nehmen Wetten an, wie lange es dauern wird, bis die Einreichungen zum European Beer Star die Zweitausender-Marke überschreiten werden. Eines ist sicher: Die Teilnahme an diesem speziellen Event wird immer verlockender ...
















