Vom Waldrand zieht sich der Weingarten sacht den Hügel hinab bis zu den Häusern eines Dorfes. Es folgt lange der Straße, um sich wie ein Kochlöffel in einem Neubaugebiet zu erweitern. Dahinter streckt sich die weite Ebene des Rheins bis zum Horizont. Ein Ungeheuer sieht anders aus. Doch diesen Namen trägt die Lage – mit einem kleinen Unterschied: Während das Ungeheuer Furcht und Schrecken verbreitet, erfreut der Ungeheuer die Weinfreunde aufs Höchste. Der Forster Ungeheuer, gelegen zwischen Neustadt und Bad Dürkheim in der Pfälzer Weinregion Mittelhaardt – Deutsche Weinstraße, ist eine der bekanntesten und besten Weinlagen Deutschlands. Hier wächst vor allem Riesling, dessen beste Weine seit zweihundert Jahren mit besten Bewertungen und Traumnoten ausgezeichnet werden. Bereits 1833 schrieb Johann Philip Bronner in seinem Werk „Der Weinbau am Haardtgebirge von Landau bis Worms“ über Forst: „Der dominierende Satz ist hier fast durchgehends Riesling.“ Sogar in die Weltliteratur ging der Ungeheuer ein, als Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe 1820 den legendären Jahrgang 1811 beim Weingut Jordan im benachbarten Deidesheim bestellte und später im „West-östlichen Diwan“ verewigte. 1828 wurden die Lagen rund um den Ungeheuer im Grundsteuergesetz des Königreiches Bayern, zu dem die Pfalz damals gehörte, in die teuerste Kategorie eingeordnet.
24.06.2012
Ein Ungeheuer mit Weltniveau
Der Forster Ungeheuer ist eine der bekanntesten Weinlagen Deutschlands. Seit rund 200 Jahren entsteht hier feinster Riesling. Innovative Winzer setzen mit eigenem Stil die Tradition fort.
Sonniger Halbzirkel
Die 29 ha große Lage wird vom 830 Einwohner kleinen Ort Forst nur durch wenige hundert Meter getrennt. In dieser Fläche be_ nden sich die Top-Lagen Kirchenstück, Freundstück und Jesuitengarten, in denen ebenfalls große Rieslinge wachsen. Im Norden wird sie durch die Lage Pechstein begrenzt – eine der besten der Pfalz. Sabine Mosbacher-Düringer, die mit ihrem Mann Jürgen Düringer das VDP-Weingut Georg Mosbacher in Forst führ t, blickt vom Waldrand auf ihre Heimat, während ihr Hund „Nebbiolo“ interessiert die Reben beschnuppert. „Der Ungeheuer beschreibt geographisch einen Halbzirkel, der sich nach Südosten öffnet“, erzählt sie, „dadurch kann sich in der Mitte die Wärme hervorragend sammeln.“ Vor dem kühlen Wind aus West und Nordwest ist die 130 bis 170 m hohe Lage durch den an der Kuppe bewaldeten Berghang gut geschützt. 1,8 ha, verteilt auf fünf Parzellen, sind im Besitz des Gutes. „Die Trauben aus dem Ungeheuer erbringen im Schnitt 95 bis 100 Grad Oechsle und damit etwa zwei bis fünf Grad mehr Mostgewicht als in der Lage Musenhang, die oben an den Wald grenzt“, beschreibt sie den feinen Unterschied. Doch durch die Wärme tritt immer wieder Botrytis auf. Sabine Mosbacher und Jürgen Düringer stellen derzeit auch deswegen auf die ökologische Wirtschaftsweise um, „damit die Reben künftig weniger anfällig gegen Krankheiten sind“.
Kalk, Basalt und Sandstein
Der Charakter des Rieslings aus dem Ungeheuer ist auf ganz eigene Weise unverwechselbar: Die Wucht und das Feuer eines Ungeheuers sind eher der Nachbarlage Pechstein vorbehalten. „Opulenz in Verbindung mit Mineralität, Feinheit, Würze und reifer Säure“ – so beschreibt Sabine Mosbacher-Düringer ihren trockenen Riesling aus dem Ungeheuer, den sie seit 1996 als Großes Gewächs nach VDPRichtlinien ausbaut. „Er hat für mich mehr Eleganz und Struktur als die Lagen in Deidesheim“, fügt sie hinzu, „und wir legen viel Wert auf Komplexität – und vor allem auf die Eleganz.“ Dieser eigene Charakter ist vom Boden geprägt, einer recht ungewöhnlichen Mischung aus hellem und rotem Sandstein, Kalkstein und kalireichem, wärmespeicherndem Basalt. Durch die Größe der Lage sind die Gewanne sehr unterschiedlich geprägt: In vielen _ nden sich faustdicke Kalkbrocken, in anderen dominiert der Sandstein. Der Basalt wurde über Jahrhunderte hinweg von den Menschen eingebracht. Sie bauten ihn in den Steinbrüchen des nahe gelegenen Pechsteinkopfes ab und brachten ihn auch in die umliegenden Weingärten ein. Unterirdisch abwärts führende Wasseradern aus dem hier beginnenden Pfälzer Wald sorgen zudem dafür, dass die Reben auch in sehr heißen Sommern keine Probleme bekommen. „Selbst im Jahrhundertsommer 2003 hatten wir fast keine Trockenschäden“, sagt Sabine Mosbacher-Düringer und zuckt mit den Schultern.
„Dieses Ungeheuer schmeckt mir ungeheuer“
Die Fläche des Ungeheuers wurde mit der großen deutschen Lagenreform im Jahr 1971 erweitert und Mitte der 1980er Jahre flurbereinigt. Sie gehört rund 30 Betrieben, von denen aber nur elf daraus eigenen Wein produzieren. Der Rest liefert die Trauben in der Genossenschaft ab. Mit 5,5 ha verfügt das Weingut Reichsrat von Buhl über den größten Besitz. Der Traditionsbetrieb residiert in einem schlossähnlichen Anwesen in Deidesheim, dem schönsten Weinort der Pfalz. 62 ha in fünf klassifizierten und sieben Ersten Lagen bewirtschaftet der Betrieb, der jährlich etwa 750.000 Flaschen produziert. Gegründet wurde er 1849 von Franz Peter Buhl. Sein Sohn Franz Armand war Vize-Präsident des deutschen Reichstages und ein Freund des Reichskanzlers Otto von Bismarck. Der machte die Lage mit einem Satz weltberühmt: „Dieses Ungeheuer schmeckt mir ungeheuer.“ Mitte des 20. Jahrhunderts ging das Gut in den Besitz der Familie zu Guttenberg über. Letzter Eigentümer war Philipp Franz, der Bruder des wegen Plagiats seiner Dissertation zurückgetretenen Verteidigungsministers Karl Theodor zu Guttenberg. Die Familie verkaufte 1989 die Grundstücke dem Neustädter Unternehmer Achim Niederberger. Eine Betreibergesellschaft um Gutsdirektor Christoph Graf und japanische Investoren, die die Weinberge gepachtet haben, produziert zertifiziert ökologischen Wein. Die lange Tradition wird auf moderne Weise gepflegt: „Wir vergären im Stückfass und lassen den Riesling bis April auf der Vollhefe liegen. Danach lagert der Wein im Stahltank, bis wir ihn im Juni oder Juli füllen“, erzählt Christoph Graf, „aber mir wäre es noch lieber, wenn wir ihn erst im März des Folgejahres herausbringen könnten.“ Er produziert im Ungeheuer neben dem Großen Gewächs auch eine edelsüße Kollektion mit Auslese und Beerenauslese, denn die Mineralität, Würze und reife Säure der Lage eignen sich dazu hervorragend. „Uns gehören sieben verschiedene Flächen in der Lage, die wir separat ausbauen und aus denen wir vier fürs Große Gewächs selektieren“, beschreibt er die Arbeitsweise. Auch der Münchner Feinkost-Anbieter Dallmayr lässt bei von Buhl dort einen Wein erzeugen, den er unter dem Namen „Ungeheuerlich“ anbietet.
Das Terroir braucht keine hohen Alkoholgrade
Weniger als fünf Minuten Autofahrt dauert es, um von Deidesheim auf der Landstraße nach Forst zu gelangen. Die historischen Gebäude der einzigen Durchgangsstraße sind schön saniert, historische Schilder der Läden und Weingüter ragen auf die lange, gepflasterte Ortsstraße. Nur wenige Meter von Georg Mosbacher entfernt, liegt das Weingut Eugen Müller, das 1935 aus einer Küferei entstand. Im großen, modernen Anwesen arbeitet nun die dritte Generation: Stephan Müller absolvierte ein Studium in Geisenheim und übernahm 2000 den Betrieb mit 20 ha von seinem Vater. Ihm gehören etwas mehr als 2 ha im Ungeheuer, dessen Ertrag er im Stahltank als Kabinett, Spätlese, Auslese, Beerenauslese und, wenn möglich, Eiswein ausbaut. Er gehört nicht dem VDP an, „da wir an den Fachhandel und vor allem an Privatkunden liefern und unsere Preisstruktur völlig verändern müssten. Das wollen wir aber nicht“. In der gutseigenen Kategorie „Großer-Lagen-Riesling“ produziert er als Top-Wein einen trockenen Ungeheuer-Riesling in Spätlese-Qualität. Er stammt ausschließlich aus einem Gewann, das den alten Namen „Ziegler“ trägt und von zarter Frucht, Filigranität, Opulenz und feiner Säure geprägt ist. Für Müller ist der Riesling aus dem Ungeheuer „ein Schmeichler, dessen Säure etwas besser gepuffert ist als beim Pechstein“. Der Lagencharakter sei in allen Qualitätsstufen erkennbar: „Man kann das Terroir auch bei einem Kabinettwein mit 11,5 % erkennen“, betont er.
Intensive Salzigkeit und Mineralität
Zurück nach Deidesheim. In der Vinothek des Weinguts von Winning ist der Teufel los. Immer wieder betreten Weinfreunde den modern gestalteten Raum, verkosten und inspizieren die Flaschenreihen der Gutskollektion. Auf Geschäftsführer Stephan Attmann warten nicht nur zwei Journalisten, sondern weitere Gäste mit Termin. Doch Attmann steckt in einer Besprechung. Nach kurzer Zeit stürmt er heran und organisiert mit schnellem Blick die Lage, denn auch der Chefredakteur des „Gambero Rosso“ wird bald erwartet. 2007 kaufte Achim Niederberger auch dieses Gut und stellte den Geisenheim-Absolventen Attmann als Geschäftsführer ein, der zuvor als Außenbetriebsleiter in der Gutsverwaltung Niederhausen-Schloßböckelheim an der Nahe tätig war. Seine erste Amtshandlung war es, dem Gut einen neuen Namen zu geben. Denn zuvor hieß es Weingut Dr. Deinhard, da es lange der Familie des bekannten Sektfabrikanten gehörte – doch Sekt auf Supermarktniveau vertrug sich für ihn nicht mit den hervorragenden Lagen. Dazu gehören neben dem Ungeheuer auch Top- Weingärten wie Kirchenstück und Jesuitengarten in Forst sowie Langenmorgen und Kalkofen in Deidesheim. Den früheren Namen „Dr. Deinhard“ trägt nun nur noch die günstigere Weinlinie, die mit Reinzuchthefe im Stahltank ausgebaut wird. Die Von- Winning-Weine werden dagegen im Holzfass spontan vergoren und ausgebaut. Der Namensgeber war der Schwiegersohn Deinhards, der das Gut von 1907 bis 1918 führte, den Wein naturnah produzierte und zu den Gründungsmitgliedern des Vereins Deutscher Naturweinversteigerer VDNV gehörte, dem Vorläufer des VDP. „Wir arbeiten nach biodynamischen Methoden, lassen uns aber nicht zertifizieren. Das wäre mir zu dogmatisch. So verwenden wir kein Kupfer, der im Ökoweinbau ja erlaubt ist.“ 4 ha bewirtschaftet von Winning im Ungeheuer, der derzeit nur als zerti_ zierte, nicht aber als Erste Lage vermarktet wird. Wie auch Reichsrat von Buhl verfügt das Gut über so viele Top-Lagen, dass nicht alle die Eins auf der Flasche tragen. In diesem Jahr soll der Ungeheuer aber ebenfalls als Großes Gewächs produziert werden. Er ist für Attmann ein Weinberg mit Charakter: „Die Lage erbringt eine besondere Salzigkeit und Mineralität, die viel intensiver ist als sonst in der Pfalz. Das Gesamtgefüge wird rundum von der Säure umschlossen.“ Für ihn macht‘s der besondere Boden: „Kalk bedeutet für die Rebe Stress im positiven Sinne, Basalt ist dagegen Verwöhnprogramm. Und durch die Südost-Ausrichtung wird es dort abends kühler als in Südlagen.“
Ungeheuer-Riesling aus dem neuen 500-Liter-Fass
Attmann blickt in seinen Vergleichen gerne nach Burgund, deren Weine er hervorragend kennt. Die wandhohe Sammlung geöffneter Flaschen aus feinsten Lagen in seinem Büro beweist eindrucksvoll diese Leidenschaft. „Ich will den Ausdruck der burgundischen Lagen in Pfälzer Riesling übersetzen“, beschreibt er seinen Grundgedanken. So hat er die Zahl der Rebstöcke nach burgundischem Vorbild seit 2008 auf 9.500 pro Hektar verdichtet – vorher wuchsen auf derselben Fläche nur 5.000. Durch den eingeschränkten Platz bohren sich die Wurzeln viel tiefer ins Erdreich als mit der herkömmlichen Dichte. Er lässt den Most zwölf Stunden mazerieren, entrappt die Trauben nicht und presst mit bis zu zwei Bar Druck. Danach lässt er den Most in Halbstück-, Stück- oder Doppelstückfässern trüb vergären. „Wenn du perfektes Lesegut einbringst, bekommst du hochkomplexe, saubere Weine – aber nur dann“, erzählt er. Mit solch mutigen Ideen hat er auch die Fachwelt überzeugt: Er gilt als der Shootingstar der deutschen Weinszene. „Gault Millau“ kürte Attmann in der 2012-Ausgabe zum „Aufsteiger des Jahres“ – mit einer treffenden Begründung: „Genauso eigenwillig wie die Weine ist der Gutsverwalter – eine echte Persönlichkeit.“ Bereits 2011 zeichnete ihn der Eichelmann-Weinführer mit demselben Titel aus. Die Weinkritiker überschlagen sich mit Lob. Im Ungeheuer produziert er einen Riesling, der polarisiert: „Man liebt ihn oder man hasst ihn“, lacht Attmann und zuckt mit den Schultern. Den Most lässt er nach einer Idee seines Kellermeisters Kurt Rathgeber im neuen 500-Liter-Fass vergären. Er betont: „Auf diese Weise wurde schon zur Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert gearbeitet – und da waren die Forster-Weine teurer als feinster Burgunder•“
Forster Ungeheuer.pur
Die Weine wurden am 11. und 12.Januar 2012 für wein.pur von den Redakteuren Alexander Lupersböck und Uwe Kauss auf den Weingütern in Forst und Deidesheim verkostet.
Die Ergebnisse der Verkostung finden Sie in unserer Weindatenbank.
Mehr Informationen über die Pfalz auch bei Wein-Plus
Die Ergebnisse der Verkostung finden Sie in unserer Weindatenbank.
Mehr Informationen über die Pfalz auch bei Wein-Plus

















