Kein Mensch kann bekanntlich aus seiner Haut, selbst wenn er oft aus ihr fahren möchte. Man ist, wie man ist, obgleich sich einem, wie der dialektisch versierte Dichter und Sänger Wolf Biermann einmal festgestellt hat, durchaus die Option bietet, man selbst zu bleiben und ein anderer zu werden. Dieses Unterfangen ist allerdings eine Lebensaufgabe, die sich gewaschen hat. Man muss ihr unermüdlich nachgehen, ohne sie jemals zur Gänze erfüllen zu können. Aber so ist das eben mit der Dialektik. Zurück zum Fahren aus der eigenen Haut. Als Weinliebhaber möchte ich das zum Beispiel dann, wenn mir der Geduldsfaden mit einem höchst unangenehmen Schnalzen reißt, weil manche Mitmenschen so etwas wie Geduld gänzlich vermissen lassen. Ich rede von den „Viel zu jung“-Weintrinkern. Zugegeben, das ist ein Unwort. Aber es sind ja auch Untaten begehende Unholde, die es beschreibt. In kindsmörderischer Absicht fallen sie, von Gier und/oder Ehrgeiz und/oder Unwissenheit getrieben, mit schrecklicher Regelmäßigkeit über sämtliche verfügbaren Weine des jüngsten Jahrgangs her, um sie ungeachtet ihrer Jugend, ihres nicht selten noch vom Abfüllen leicht geschockten Zustands und vor allem in schnöder Missachtung ihres Reifepotenzials gnadenlos wegzubechern. Es ist ein jährlich wiederkehrendes, so vertrautes wie furchterregendes Ritual, dem beizuwohnen mir den Aufenthalt in meiner Haut zur veritablen Qual macht. Zugegeben, ich übertreibe. Aber nicht maßlos. Wenn ich bei privaten Einladungen die Gastgeber skrupelfrei Bouteillen öffnen sehe, deren Inhalt sich frühestens in ein paar Jahren dorthin entwickelt haben wird, wo man langsam von beginnender Trinkreife sprechen kann, dann muss ich an mich halten, um nicht gequält aufzuschreien. In öffentlichen Speiselokalen, sobald die Gäste an benachbarten Tischen ein blutjunges Weinwesen zur Opferung bestellen, verhält es sich augengleich. Manchmal schreite ich in solchen Fällen beherzt ein, reiße überraschten und hernach meist konsternierten Leuten die bedrohte Flasche im letzten Augenblick aus den Händen, breche unvermittelt in wortmächtige und von missionarischem Geist beseelte Vorträge über die Notwendigkeit der Reifung aus und bin schwer versucht, anschließend mit der geretteten Flasche abzuhauen, um sie an einem sicheren Ort zu verstecken, wo sie innerhalb der nächsten Jahre garantiert keiner von den Killern finden kann. Natürlich sind solche Rettungsaktionen nicht nur in juristischer Hinsicht problematisch. Ich weiß schon, es gibt Weine, die dürfen, die sollen sogar jung getrunken werden. Es gibt auch Weine, die einem bereits im zartesten Alter ein derart famoses Trinkvergnügen bereiten, dass man schon übermenschliche (sprich: Engels-)Geduld besitzen muss, um ihnen widerstehen zu können. Sie sind glorios in ihrer Jugend, ebenso (wenn auch anders) glorios im mittleren Alter und nicht weniger (und wiederum anders) glorios als gereifter Tropfen. Ich weiß aber auch, dass furchtbar viel Wein zu jung getrunken wird. Selbst auf den Weinkarten ausgezeichneter Restaurants findet nicht selten ein wahres Gemetzel unter den Allerjüngsten statt. Oft werden nur der letzte und höchstens noch der vorletzte Jahrgang angeboten. Ältere Jahrgänge findet man so gut wie keine, die wurden ja schon im Kindesalter gemeuchelt. Manche Enthemmte würden die Jungweine wohl am liebsten aus den Fässern „pipeln“, nur um bei nächster Gelegenheit verkünden zu können, sie hätten alles schon längst und somit vor den meisten anderen verkostet. Das ist kindisch. Und kurzsichtig. Und dumm. Es ist ein alter Hut, dass Jugend unreif ist. Ich mag solche alten Hüte eigentlich nicht besonders. Dieser aber sitzt und passt – im önologischen Zusammenhang jedenfalls. Lasst mehr Weinen mehr Zeit, lautet die simple Botschaft. Ich wünsche mir aufrichtig, dass in Zukunft, sei es in der Gastronomie oder sonst wo, die Zahl derer steigt, die ihre Gäste und Mitmenschen auf den Geschmack der Geduld bringen. Es zahlt sich aus. Für beide Seiten. Rupert Henning ist freier Schriftsteller, Film- und Theaterregisseur und Schauspieler. Er wurde für seine Arbeiten vielfach ausgezeichnet und lebt in Niederösterreich.