Ich hatte es von meiner Volksschullehrerin erhalten mit dem Auftrag, es auswendig zu lernen und am Muttertag brav aufzusagen. Dass ich meiner Mutter gerade an diesem Tag ein paar Stunden mehr Schlaf hätte gönnen sollen, hat sie schließlich nicht dazu gesagt. Mein Vater machte ein müdes Gesicht und sich selbst auf in die Küche, um eine große Kanne Kaffee aufzusetzen, mit dem er hoffte, die Sache eine Spur erträglicher zu machen. „Wir gingen nie zur Schule, wir blieben faul und dumm und lägen voller Flöhe im schwarzen Bett herum.“ Doch das brauchte er gar nicht. Ich war doch selbst bereits eine Stunde früher aufgestanden, um ein großartiges Mutterma(h)l herzurichten. Keine Mühen hatte ich gescheut, um das pochend Mutterherz mit einem ausgiebigen Festtagsfrühstück zu erfreuen.
Sei froh, dass du uns hast
Mütter, fürchtet Euch! Am 12. Mai ist Muttertag.
„Wir wären nie gewaschen und meistens nicht gekämmt, die Strümpfe hätten Löcher und schmutzig wär‘ das Hemd.“
Ich hatte es von meiner Volksschullehrerin erhalten mit dem Auftrag, es auswendig zu lernen und am Muttertag brav aufzusagen. Dass ich meiner Mutter gerade an diesem Tag ein paar Stunden mehr Schlaf hätte gönnen sollen, hat sie schließlich nicht dazu gesagt. Mein Vater machte ein müdes Gesicht und sich selbst auf in die Küche, um eine große Kanne Kaffee aufzusetzen, mit dem er hoffte, die Sache eine Spur erträglicher zu machen. „Wir gingen nie zur Schule, wir blieben faul und dumm und lägen voller Flöhe im schwarzen Bett herum.“ Doch das brauchte er gar nicht. Ich war doch selbst bereits eine Stunde früher aufgestanden, um ein großartiges Mutterma(h)l herzurichten. Keine Mühen hatte ich gescheut, um das pochend Mutterherz mit einem ausgiebigen Festtagsfrühstück zu erfreuen.
„Wir äßen Fisch mit Honig und Blumenkohl mit Zimt, wenn du nicht täglich sorgtest, dass alles klappt und stimmt.“
Was soll ich sagen? Meine Mutter hat das Elend jahrelang mit Würde ertragen. Immerhin weiß ich heute, warum ihre Bitte „Aber nächstes Jahr tust Du Dir nicht soviel Arbeit an, gell?“ immer einen leicht flehenden Unterton hatte. Es war die pure Angst, die aus ihr sprach. „Wir hätten nasse Füße und Zähne schwarz wie Ruß und bis zu beiden Ohren die Haut voll Zwetschkenmus.“ Zu ihrem Glück verschwand mit fortschreitendem Alter der gute Wille und mit ihm die Gedichte sowie die misslungenen Frühstücke und der Klassiker – Blumen! – hielt Einzug in unseren Muttertag. Allen Unkenrufen zum Trotz – „Der Muttertag ist nur eine Erfindung der Blumenindustrie“ – schlurfte ich als Teenager jeden zweiten Samstag im Mai brav in die Blumenhandlung und erstand einen ordentlichen Strauß bunter Frühlingstulpen – immerhin: Ihre Lieblingsblumen. „Wir könnten auch nicht schlafen, wenn du nicht noch mal kämst und uns, bevor wir träumen, in deine Arme nähmst.“
Den Muttertag selbst verschlief ich dann meist. Schließlich war Samstag der einzige Tag ... pardon ... die einzige Nacht in der Woche, in der ich ausgehen konnte. Der Sonntag war in meinem, von der Pubertät dominierten Dasein also ausschließlich für Ausschlafen, Kopfweh-Haben und dementsprechendem Grantig-Sein reserviert. „Und trotzdem sind wir alle auch manchmal eine Last, doch was wärst Du ohne Kinder, sei froh, dass du uns hast.“
Nachdem Sie jetzt bestimmt in Mitleid meiner Mutter gegenüber vergehen, möchte ich auf mein Recht pochen, dass die Angeklagte das letzte Wort hat. Seit ich nun erwachsen bin, halten meine Mutter und ich es mit dem Muttertag wie die meisten erwachsenen Kinder mit ihren Müttern. Ich beschenke sie mit Blumen und Pralinen und bekoche sie mit einem speziellen Muttertagsmenü. Ein Gedicht habe ich schon lange nicht mehr aufgesagt. Sie hat sich in all den Jahren nie darüber beschwert. Vielleicht ist sie ja tatsächlich einfach nur froh, dass sie mich hat.













