Speiseführer Wien
Ein kulinarischer Streifzug durch die Hauptstadt. Ohne Riesenrad, aber mit Schnitzel.
Die Geschichte der Wiener Küche
Essen gehen
Ja, es gibt sie noch: Die traditionellen Wiener Kaffeehäuser, in denen der Kellner mit original unbeeindruckter Mine Melange und Mehlspeisen serviert. Doch auch wenn Sie kein Hofrat und keine gnä‘ Frau aus Döbling sind, können Sie des Obers Gemüt erfreuen: Verbannen Sie neumodische Wortkreationen wie Espresso aus ihrem Sprachgebrauch und bestellen Sie lieber einen kleinen Schwarzen. In manchen traditionsreichen Wiener Kaffeehäusern sind Handys übrigens nicht gerne gesehen, manchmal fi ndet sich sogar ein Verbotsaufkleber an der Tür. Passen Sie sich ans vergangene Jahrhundert an und lesen Sie ihre Tageszeitung lieber im hölzernen Gestell eingespannt als auf Ihrem Smartphone. Die Wiener Kaffeehauskultur zählt gerade wegen ihrer Eigenheiten mittlerweile zum UNESCO-Weltkulturerbe.
Verhungern muss man in Wien auch zu später Stunde nicht. Dafür sorgen mehrere hundert Würstelstände, die sich über die ganze Stadt verteilen. Davon muss man allerdings aus kulinarischer Sicht diejenigen Stände abziehen, die auch Pizza, Kebap und – besonders kurios – asiatische Nudelgerichte feil bieten. Wer ortsfremd ist, sollte auf eine Bestellung à la „A Eitrige mit an Bugl und an 16er-Blech“ („Eine Käsekrainer mit Brotscherzerl und eine Dose Bier aus der Brauerei Ottakring im 16. Bezirk) lieber verzichten. Man enttarnt sich allzu leicht als des Jargons unwürdig – weil nicht im Grätzel aufgewachsen. Zum Kult um den Würstelstand gehören Gespräche mit anderen Gästen dazu, vor allem nachts. Ein Punk im Diskurs mit einem Anwalt ist durchaus kein seltener Anblick und auch für unbeteiligte Zuseher sehr unterhaltsam.
Im Beisl. Auch wenn die warmen Küchen in Wien länger geöffnet haben als beispielsweise im tiefen Tirol: Für eine Weltstadt gelten hier noch immer recht eingeschränkte Küchenzeiten. Bestehen Sie lieber nicht zu knapp vor Küchenschluss noch auf warmes Essen – ein grantiger Wirt könnte noch grantiger werden. Generell herrscht in Wiens Beisln und Gastwirtschaften ein für ausländische Ohren eher rauer Ton, der allerdings eher jovial und herzlich als unfreundlich gedeutet werden sollte. Den typischen Wiener Schmäh muss man halt auch verstehen können …
Im Restaurant. Verglichen mit der internationalen Konkurrenz geht es auch in Wiens Spitzenrestaurants erfrischend leger zu. Von der Sakko- und Krawattenpflicht bleibt man verschont, Reservieren ist allerdings ein Muss. Generell gutes Preis-Leistungsverhältnis.
Einkaufen
Märkte. Der mit Abstand größte Markt Wiens, der Naschmarkt, beeindruckt Besucher mit einer bunten Mischung österreichischer, mediterraner und asiatischer Spezialitäten. Besonders zu empfehlen ist der Stand von Erwin Gegenbauer, an dem man sich durch zahlreiche Essigspezialitäten kosten kann. Tomaten-, Marillen- und Dirndlessig sind zudem die perfekten kulinarischen Mitbringsel. Etwas beschaulicher geht es am Karmelitermarkt zu, der erst am Samstag richtig zum Leben erwacht. Dann fi nden sich zahlreiche Kleinproduzenten aus dem Umland ein, die ihre raren Gemüse-, Käse- und Fleischspezialitäten feil bieten. Im „Kaas am Markt“ kann man eine kleine aber feine Auswahl österreichischer Erzeugnisse erstehen.
Geschäfte. Bei Meinl am Graben fi ndet man nicht nur internationale Delikatessen, sondern auch zahlreiche heimische Viktualien. Darunter der Gemischte Satz, eine Weinspezialität die mittlerweile sogar von Slow Food geadelt wurde. Hierfür wird Wein aus verschiedenen Rebsorten gekeltert, die alle zusammen in einem Weingarten gewachsen sind. Noch besser schmeckt dieser natürlich in einem der zahlreichen Heurigen in und rund um Wien. Im Manner Flagship Store neben dem Stephansdom sieht man alles wie durch eine rosarote Brille. Rund um die Manner- Schnitten, Waffeln mit Haselnussfüllung, wurde hier eine einfärbige Souvenirwelt aufgebaut. Die Fleischerei Ringl in der Gumpendorferstraße setzt noch auf gutes altes Handwerk. Hier kann man sich für zwischendurch zumindest eine Wurstsemmel mit Extrawurst und Gurkerl oder einen der grandiosen Leberkäse gönnen. Nicht allzu weit davon entfernt befi ndet sich auch die Schinkenmanufaktur Thum, die adergepökelten Schinken in zahlreichen Varianten erzeugt.
Veranstaltungen
VieVinum. Zahlreiche Fachbesucher, aber auch private Weinliebhaber werden zwischen 2. und 4. Juni 2012 wieder in die Wiener Hofburg strömen, um sich auf Österreichs wichtigster Weinmesse durch die internationalen aber auch nationalen Neuigkeiten zu kosten und Kontakte zu pflegen.
Erntedankfest am Heldenplatz. Österreichs größtes Erntedankfest fi ndet in Wien statt. Musik, Erntesegnung, ein Umzug und zahlreiche Gelegenheiten zum Verkosten bäuerlicher Schmankerln locken am 8. und 9. September 2012 auf den Heldenplatz.
Terra Madre Wien. Leider erst wieder im Herbst 2013 finden sich Slow-Food-Produzenten und Anhänger im Hof des Wiener Rathauses ein, um sich auszutauschen, traditionell hergestellte Lebensmittel zu kosten, ihren Geschmackssinn zu trainieren und sich mit Vorräten für die heimische Küche einzudecken. Zum Abschluss noch drei generelle Reisetipps für Wien: Stellen Sie sich auf übermäßigen Fleischkonsum ein, reisen Sie mit mindestens einer zweiten Person, um sich Gerichte notfalls teilen zu können und kommen Sie bald wieder – die Kalorien der Wiener Küche lassen sich besser auf mehrere Kurztrips aufteilen. Hier noch ein spezieller Tipp für alle deutschen Leser: Entgegen kolportierter Meldungen in Ihrem Heimatland wird ein Wiener Schnitzel nicht – zumindest nicht mehr – mit „Wiener Garnitur“ (Zitronenscheibe, auf die eine mit Kapern gefüllte Sardelle gelegt wird) serviert. Also bestehen Sie nicht darauf, wenn Sie überleben wollen …
>> Wien in drei Tagen
1. Tag: Frühstück mit Melange im Café Sperl. Mittags Grammelknödel und Rindsroulade in Andreas Wojtas Minoritenstüberl (früh kommen). Abends Zwiebelrostbraten und Herrengulasch in der Gastwirtschaft Heidenkummer.
2. Tag: Frühstück ausfallen lassen. Mittags Altwiener Hochzeitssuppe, Wiener Schnitzel und Apfelstrudel in der Meierei im Stadtpark. Abends Innereien im Wirtshaus zu den 3 Hacken: Hirn mit Ei, Kalbsbeuschel oder geröstete Nieren. Zu späterer Stunde Pferdeleberkäse und Burenheidl (Burenwurst) beim Würstelstand Bitzinger (nicht auf Essiggurkerl und scharfen Senf vergessen).
3. Tag: Als Frühstück Sachertorte und Guglhupf im Café Sacher. Mittags Tafelspitzsulz und geröstete Kalbsleber in Meixner’s Gastwirtschaft. Abends Tafelspitz im Plachutta Nussdorf (Semmelkren und Cremespinat sowie Milzschnitten als Suppeneinlage dazu bestellen). Nach 22 Uhr frisch gebackene Buchteln im Café Hawelka.
Adressen
1010 Wien, Dorotheergasse 6
Tel.: 01 5128230, www.hawelka.at
> Café Sacher
1010 Wien, Philharmonikerstraße 4
Tel.: 01 514560, www.sacher.com
> Café Sperl
1060 Wien, Gumpendorferstraße 11
Tel.: 01 5864158, www.cafesperl.at
> Erwin Gegenbauer
1040 Wien, Naschmarkt 111-114
Tel.: 01 6041088, www.gegenbauer.at
> Gastwirtschaft Heidenkummer
1080 Wien, Breitenfelder Gasse 18
Tel.: 01 4059163, www.heidenkummer.at
> Glacis Beisl im Museumsquartier
1070 Wien, Breitegasse 4
Tel.: 01 5265660, www.glacisbeisl.at
> Gmoakeller
1030 Wien, Am Heumarkt 25
Tel.: 01 7125310, www.gmoakeller.at
> Holy Moly am Badeschiff
1010 Wien, zwischen Schwedenplatz und Urania
Tel.: 0699 15130750, www.badeschiff.at
> Kaas am Markt
1020 Wien, Karmelitermarkt 33-36
Tel.: 0699 18140601, www.kaasammarkt.at
> Meierei im Stadtpark
1030 Wien, Am Heumarkt 2a
Tel.: 01 7133168, www.steirereck.at
> Meixner’s Gastwirtschaft
1100 Wien, Buchengasse 64
Tel.: 01 6042710, www.meixners-gastwirtschaft.at
> Minoritenstüberl
1010 Wien, Minoritenplatz 5
Tel.: 01 5335281
> Plachutta Nussdorf
1190 Wien, Heiligenstädter straße 179
Tel.: 01 3704125, www.plachutta.at
> Restaurant Hohensinn
1080 Wien, Fuhrmanns gasse 7
Tel.: 01 5336464, www.restaurant-hohensinn.at
> Wirtshaus zu den 3 Hacken
1010 Wien, Singer straße 28
Tel.: 01 5125895, www.zuden3hacken.at
> Würstelstand Bitzinger
1010 Wien, Augustiner straße 1
Tel.: 01 5331026, www.bitzinger.at




















