Zu einem Wien-Besuch gehört sowieso das gute Essen. Dieses wird den Touristen in der Bundeshauptstadt auch geboten – egal, in welcher Geschmacksrichtung. Die Schnitzeln beim Figlmüller, der Tafelspitz beim Plachutta, die Stelze im Schweizerhaus, die Sachertorte im Sacher und was da noch so alles in den einschlägigen Führern steht. Wenn dieser Tourist aber etwas Anderes, etwas Spezielles sucht und wenn er dort einkehren will, wo rund um ihn nur Einheimische sitzen und nicht schon wieder seinesgleichen, dann ist guter Rat teuer. Den fi ndet er in den Führern, die von Menschen geschrieben wurden, die wirklich in Wien herumgegangen sind und nicht aus anderen Büchern abgeschrieben haben, bei freundlichen Einheimischen oder hier auf den folgenden Seiten. Da soll nämlich von einem Weinlokal in der Innenstadt, von einem Café in der Josefstadt, einem typischen Gasthaus in Fünfhaus und einem Fischrestaurant in Hernals die Rede sein.
30.04.2011
Wien isst anders
Kulinarische Insider-Tipps in Wien – empfohlen von einem Wien-Insider.
Wein im Ersten
Zwischen dem belebten Donaukanal-Kai und dem immer mehr boomenden Salzgries liegt der ruhige Rudolfsplatz. Er hat mit seinen Gründerzeithäusern ein gewisses Pariser Flair, das durch Kinderspielplatz und Park eine eigene Note erhält. In einer kleinen Seitengasse dieses Platzes liegt das „Unger und Klein“. Im Jahr 1992 planten Helmut Unger und Michi Klein ein Wohnzimmer für Weinliebhaber, einen Treffpunkt für Freunde, für die Menschen in der Gegend, so ein nettes Lokal um die Ecke halt. Das gab es zu dieser Zeit und in dieser Form in Wien noch nicht. Architekt Gregor Eichinger hatte damals das Gespür für die gar nicht so präzise und detailliert geäußerten Vorstellungen der Besitzer und entwarf ein Lokal, das noch immer eines der schönsten von Wien ist, eine gewisse Patina angesetzt hat und nach wie vor die an es herangetragenen Bedürfnisse hundertprozentig erfüllt. So wurde das „Unger und Klein“ auch mit dem Adolf Loos-Preis für außergewöhnliches Design in der Kategorie Geschäftslokale und Restaurants ausgezeichnet. Was erwartet einen Besucher von „Unger und Klein“? Zuerst einmal die Weine. 20 bis 25 gibt es auf jeden Fall offen, auf besonderen Wunsch werden aber auch die Flaschen aus dem Regal aufgemacht. Dazu gibt es ausgezeichnete Würste, Schinken, Käse, Pikantes und Brot. Man sitzt an kleinen Tischchen oder rund um einen Großen, der die Kommunikation fördert. Umgeben von Flaschen und Kisten. Sind die Besucher beim Hereinkommen zuerst einmal erstaunt, machen sie beim Hinausgehen in den meisten Fällen glückliche Gesichter.
Mitten im Achten
Auch wenn man – egal, in welchem Land oder in welcher Stadt – Kaffeehäuser sofort erkennt, sind das doch höchst individuelle Lokale. In Wien unterscheiden sich die von den Touristen heimgesuchten Kaffeehäuser in der Innenstadt deutlich von jenen rund um den Gürtel. Mitten in einem der bürgerlichsten Bezirke, in der Josefstadt, liegt einer der schönsten Plätze Wiens, der Piaristenplatz. Beherrscht von der barocken Pracht der Piaristenkirche und mit Bäumen bestanden, ist er ein echtes städtebauliches Juwel. In der warmen Jahreszeit bietet er Platz für den Schanigarten des „Cafés Maria Treu“. Es ist fast 100 Jahre alt und seit fast zehn Jahren führt es Lotte Reiter. Sie schafft den Spagat zwischen Tradition und Zeitgemäßem sowohl im Ambiente als auch in der Küche. Denn auch ihre Gäste kommen aus den verschiedensten Schichten. Da gibt es die berühmte Hofratswitwe und die Baronesse, ebenso wie die Schüler des Piaristengymnasiums und die Schauspieler des naheliegenden Theaters in der Josefstadt, dessen Pausenbuffet übrigens auch vom „Café Maria Treu“ ausgerichtet wird. Von Montag bis Freitag werden in dem angenehm ruhigen Lokal zwei, Samstag und Sonntag ein Menü und dessen Hauptspeise als Tagesteller serviert. Auf der Speisekarte fi ndet man die typisch wienerischen Kaffeehausgerichte, wie Kalbsrahmgulasch mit Semmelknödel, aber auch Vegetarisch-Leichtes und international angehauchte Speisen. Reiter hat einen gewissen Hang zum Französischen, schließlich hat sie sich ihr gastronomisches Know- How in einer Crêperie erarbeitet. Sie weiß, dass vieles am allerbesten ist, wenn man es selber macht. So sind nicht nur alle Mehlspeisen hausgemacht, sondern auch die Grießnockerln für die Suppe.
Ein Gasthaus in Fünfhaus
Fünfhaus, so heißt der 15. Wiener Gemeindebezirk und mitten drinnen, in der Reindorfgasse steht die barocke Wallfahrtskirche Zur Allerheiligsten Dreifaltigkeit. Davor liegt ein kleiner Platz und das Ensemble, das durchaus dörfl ichen Charakter hat, wird durch ein Gasthaus ergänzt. Früher, noch im 19. Jahrhundert, war es der „Kirchenwirt“, seit den 1930er-Jahren ist es der „Quell“. Eduard Peregi erzählt gerne die Geschichte seines Gasthauses. Er übernahm das Lokal 2004 vom legendären Poldi Quell, der es 40 Jahre lang geleitet hat und einen Nachfolger suchte, der es in seinem Sinn weiterführen würde. Nachdem Peregi vom Grund war – seine Eltern besaßen das Fischgeschäft am Schwendermarkt – war man sich nach einem zehnminütigen Gespräch per Handschlag handelseins. So hat das alte, gemütliche Gasthaus mit der dunklen Lamperie einen neuen Besitzer bekommen und ist doch das vergrößerte Wohnzimmer nicht nur der Menschen aus dem Bezirk geblieben. Übrigens: Als Willi Resetarits noch Dr. Kurt Ostbahn war, hat er seine Live-CD „Ein Abend im Gasthaus Quell“ dort aufgenommen. Der 15. Bezirk ist jener mit dem höchsten Ausländeranteil Wiens. Peregi sieht das positiv. Selbst er habe als waschechter Wiener ungarische und serbische Vorfahren. Obwohl sein Lokal doch von Grund auf wienerisch sei, kämen gerne ausländische Gäste zu ihm zum Essen. Dieses Multikulti- Gefühl hat man auch, wenn man die Speisekarte liest. Bei aller wienerischen Dominanz (Tafelspitz, Schnitzel und Backhendl) fi ndet man auch Krautrouladen, Szegediner- Gulyas und gefüllte Paprika. Beim „Quell“ gibt es eine Standard- und eine Wochenkarte, auf der dann durchaus auch Innereien und Fisch zu fi nden sind. Trotzdem soll es Leute geben, die beim „Quell“ immer nur das eine essen: Fischbeuschlsuppe, Welsgulasch und als Nachspeise Marillenpalatschinken. Die Preise sind – wie man in diesem Zusammenhang gerne sagt – sehr moderat. Dazu trinkt man hier primär Bier, und zwar aus Hirt vom Fass, auch das dunkle Morchel und das tschechische Pilsner Urquell vom Fass. Die Weine kommen aus Niederösterreich, der Schankwein noch im Doppler aus Kollnbrunn.
Fisch in Hernals
Viel Charme besitzt die Hernalser Hauptstraße nicht. Dort draußen zwischen Vorortelinie und Sportclub-Platz hat man eher das Gefühl, sie diene nur dazu, die Vorstadt schnellst möglich hinter sich lassen zu können, um ganz rasch ins Grüne zu kommen. Vielleicht hatte Hernals in den 1980er-Jahren noch mehr Reiz – der Sportclub war zu dieser Zeit auf jeden Fall erfolgreicher als jetzt – aber wie auch immer, ein Dalmatiner setzte es sich in den Kopf, in einem ehemaligen Weinhaus mit dem „Bodulo“ das erste dalmatinische Fischrestaurant zu eröffnen. Seine Anfänge waren nicht wirklich erfolgreich, sodass die Nachbarn ihm rieten, doch lieber Stelzen zu verkaufen. Er aber blieb dem dalmatinischen Fisch treu und mit der Zeit und dank gastrojournalistischer Hilfe bekam er Recht. Als die 25-jährige Tamara Jurasic 2002 das Bodulo übernahm, war es bereits ein Begriff geworden. Die junge Magistra aus Istrien – sie hatte Hotel- und Tourismus-Management studiert – wollte ursprünglich nur Urlaub in Wien machen, ist dann aber geblieben, hat Deutsch gelernt und mit ihrem damaligen Mann, einem Koch, das „Bodulo“ übernommen. Damals wie heute kommt der Großteil der Fische – immer über den gleichen Importeur – aus Dalmatien. Zwei bis drei Mal in der Woche liefert er Brassen, St. Petersfi sch, Angler, Knurrhahn und was es da noch so an adriatischen Spezialitäten gibt. Aber, weil die Adria schon recht ausgefi scht ist, werden im „Bodulo“ auch Austern aus Frankreich, Lachs aus Norwegen und Steinbutt aus Holland serviert. Jurasic weiß genau, wie viele Stammgäste sie hat (nämlich 3.500), auch ist ihr bekannt, woher die alle kommen, nämlich zum Großteil aus Niederösterreich, dann aus Wien und ein Teil auch aus anderen Bundesländern. Dabei hat sie nicht allzu viel Platz, höchstens für 60 Personen, im Sommer gibt es einen Schanigarten, in dem zusätzliche 28 Gäste Platz finden. Sie stellt selbstbewusst fest, dass sie, was die Qualität betrifft, zu den besten Fischlokalen Wiens zählt, beim Ambiente und der Ausstattung bleibt sie gerne vorstädtisch-gemütlich. Aber auch da ist ein vorsichtiger Umbau geplant, im Zuge dessen sie versuchen wird, sich den Bedürfnissen der neuen Zeit anzupassen. Die kulinarischen Hits im „Bodulo“ sind bei den Vorspeisen die Muscheln und der gegrillte Oktopus mariniert in Trüffelöl und Weißweinessig. Bei den Hauptspeisen dominieren natürlich Fischgerichte, gegrillt oder in der Salzkruste. Zum Abschluss noch ein kurzer Abstecher zu den Desserts: Die Rozata ist eine Art Creme Caramel, die aus Dubrovnik stammt und mit Orangen verfeinert wird. Die Weine – sowohl weiß als auch rot, offen und aus der Bouteille – kommen zu gleichen Teilen aus Österreich und Kroatien, zwei Italiener stehen auch auf der Karte. Und weil immer mehr Gäste Weine mit nach Hause nehmen, ist eine kleine Vinothek im Anschluss an das Lokal geplant, in der verkostet werden kann, die aber auch dazu dient, einem die Zeit, in der man auf einen Tisch wartet, zu verkürzen.
Die fantastischen vier
Es wäre nicht Wien, wenn es nicht noch viele weitere Lokale mit der ganz speziellen Qualität und dem entsprechend besonderen Flair gäbe. Ganze Bücher könnte man füllen, wenn man über all die Gasthäuser, Beisln und Restaurants schriebe, in die man einen Wienbesucher führen möchte. Die vier hier Vorgestellten haben halt darüber hinaus noch etwas, das man mit Worten nur schwer ausdrücken, dafür besser fühlen, spüren und schmecken kann. Probieren Sie es doch aus.
>> Adressen
> Unger und Klein
1010 Wien,
Gölsdorfgasse 2
Tel.: 01/532 13 23,
www.ungerundklein.at
> Café Maria Treu
1080 Wien,
Piaristengasse 52
Tel.: 01/406 47 09,
www.cafe-mariatreu.at
> Quell
1150 Wien,
Reindorfgasse 19
Tel.: 01/893 24 07,
www.gasthausquell.at
> Bodulo
1170 Wien,
Hernalser Hauptstraße 204
Tel.: 01/486 43 11,
www.bodulo.at
1010 Wien,
Gölsdorfgasse 2
Tel.: 01/532 13 23,
www.ungerundklein.at
> Café Maria Treu
1080 Wien,
Piaristengasse 52
Tel.: 01/406 47 09,
www.cafe-mariatreu.at
> Quell
1150 Wien,
Reindorfgasse 19
Tel.: 01/893 24 07,
www.gasthausquell.at
> Bodulo
1170 Wien,
Hernalser Hauptstraße 204
Tel.: 01/486 43 11,
www.bodulo.at

















