Winter ist die Zeit der ernsthaften Verkühlungen und damit auch der Hausrezepte gegen laufende Nasen. Eine russische Freundin teilte mir vor kurzem eine Methode mit, auf die sie schwört: Wodka. „Und wie viel?“, fragte ich, etwas verunsichert. Sie starrte mich an, als ob mit mir wirklich nicht vernünftig zu reden sei. „Na die Flasche!“, sagte sie, noch immer ungläubig. Ich habe es noch nicht ausprobiert, aber ich kann mir gut vorstellen, dass einem danach die eigene Nase wenigstens vorübergehend wurscht ist. Wenn ich auch kaum jemals Wodka trinke und meine Verkühlung anders auskurieren muss, so sind mir die stillen Blicke der Nachbarn nicht entgangen, wenn sich der Korb mit den Recycling-Flaschen wieder einmal gefüllt hat. Seltsam, dieser schweigende Puritanismus. Ich bin mir sicher, die Nachbarn denken, wir seien hemmungslose Alkoholiker. Wie beim Wodka ist die Frage aber eigentlich: Wie viel ist zu viel? Im Moment ist es ein Glas pro Tag: Um ein besserer (und vor allem schlankerer) Mensch zu werden, halte ich mich am Jahresanfang meistens zurück. Eine Gewohnheit ist nur dann eine gute Gewohnheit, wenn man auch ohne sie leben kann. Normalerweise halte ich es insofern mit unserer russischen Freundin, als dass ich es schade finde, eine Flasche, die ich zum Trinkvergnügen geöffnet habe, wieder zu verkorken. Seltsamerweise fällt es mir wesentlich weniger schwer, gar nicht zu trinken als ein einziges Glas zum Essen. Das mag Willensschwäche sein, zumindest aber steht ihr ein Zipfel Selbsterkenntnis gegenüber. Ich weiß, dass ich an einem Glas nicht genug habe. Wie viel ist genug? Das ist eine Frage, die wir uns nur selten stellen, in einer Welt, in der es immer um größer, mehr, schneller, teurer geht. Es ist eine Frage, die uns, in Krisenzeiten darf man das sagen, einiges erspart hätte. Genügsamkeit ist eine Tugend, die in unseren wachstumsverliebten Zeiten völlig aus der Mode geraten ist. Ich beneide genügsame Menschen, denen ein Glas Wein zum Essen völlig genug ist. Ich kann nur entweder ganz oder gar nicht. Dabei liegt eine große Befriedigung darin, genug, aber nicht zu viel von etwas zu tun oder zu haben. Auf einer Reise kann man diesen Zustand erleben. Mein ideales Reisegepäck umfasst alles, was ich brauche und nichts, was ich nicht brauche und ich fühle tatsächlich, dass ich etwas erreicht habe, wenn ich alles in meinem Gepäck gebraucht und nichts vermisst habe. Es ist für kurze Zeit die schöne Illusion, das eigene Leben völlig zu beherrschen, nicht von Kram beherrscht zu werden, sondern leicht und selbstbestimmt zu sein. Die Realität bricht früh genug wieder über einen hinein. Das Leben in den Ferien ist eben eine Ausnahme, und schon bald werde ich wieder mit einem erleichterten Seufzer eine Flasche entkorken und im Laufe eines Abends leeren. Meine Nachbarn werden wieder still und vorwurfsvoll auf der Stiege an mir vorbeigehen. Andere Zeitgenossen reagieren verständnisvoller. Vor einigen Jahren bekam ich Weine zum Verkosten geliefert. Der Lieferant, ein junger Türke mit dem üblichen, sorgfältig gestylten Haarschnitt und gezupften Augenbrauen, taumelte unter seiner Last und sah mich grinsend an. „Is viel“, sagte er, „haste Party?“
Philipp Blom ist Historiker und Schriftsteller. Sein Buch „The Wines of Austria“ ist das Standardwerk über österreichische Weine in englischer Sprache. Er schreibt regelmäßig für den „Hugh Johnson Pocket Wine Guide“ und lebt in Wien.













