Fast alle Mexikaner lieben Musik, feiern bei jeder Gelegenheit eine Fiesta, lachen über den Tod, verehren die dunkelhäutige Jungfrau von Guadalupe und trinken Bier, Mezcal oder Tequila. Falsch. Fast alle Mexikaner lieben Musik, feiern bei jeder Gelegenheit eine Fiesta, lachen über den Tod, verehren die dunkelhäutige Jungfrau von Guadalupe und trinken neben Bier, Mezcal, Tequila und anderen Getränken auch Wein. Vor allem erzeugen manche von ihnen Rebensäfte, die sich wahrlich mit großem Genuss trinken lassen. Ich darf, wie ich meine, in diesem Fall behaupten, dass ich weiß, wovon ich rede. Ich war kürzlich im Land und hab selbstverständlich einheimische Weine verkostet. Der mehrwöchige Besuch der Estados Unidos Mexicanos war wie beinahe alle Reisen: eine Veredelung des Geistes (Copyright by Oscar Wilde). Man durchlüftet das Gehirn und räumt ordentlich mit diversen Vorurteilen auf. Ich mag grundsätzlich keine apodiktischen Aussagen, jedenfalls keine, die ohne wirkliche Begründung daherkommen und jeglichen Widerspruch unbarmherzig aus dem Weg fegen. Ich mag auch keine Vorurteile, weil sie Apodiktisches in die Welt setzen und meist so tun, als wäre die betreffende Meinung gründlich reflektiert, was in der Regel nicht der Fall ist. „Ein Urteil lässt sich widerlegen, aber niemals ein Vorurteil“ hat Marie von Ebner-Eschenbach in ihren „Aphorismen“ (auch ein wenig apodiktisch) konstatiert. Das trifft vielleicht oft zu, aber nicht immer. Ich vertraue der geschätzten Leserschaft dieser ehrenwerten Zeitschrift. Menschen sind fähig, ihre Vorurteile zu korrigieren. Falls die Leserschaft nicht ohnehin klüger und informierter ist als ich, was durchaus im Bereich des Höchstwahrscheinlichen liegt, gestatte ich mir hiermit, eine Lanze für mexikanische Weine zu brechen. Immerhin soll dies ja eine Kolumne zu einem önologischen Thema und nicht ein flammender Appell für „Politische Korrektheit“ sein. Der Begriff ist längst so abgegriffen wie die Haltegriffe in öffentlichen Verkehrsmitteln. Bei der Vorstellung, ihn angreifen oder gar in den Mund nehmen zu müssen, bekommen inzwischen manche – psychosomatisch bedingt – allergische Schübe, nässende Ausschläge oder heftiges Gliederzucken, da sie an die Fantastilliarden von geistigen Bakterien denken, die sich auf diesem Begriff tummeln. Tja. Ich mag also keine Vorurteile, hab aber bedauerlicherweise auch welche. Eines davon lautete: In Mexiko trinkt man mehrheitlich Agavenschnäpse und Cervezas. Nach wenigen Tagen auf mexikanischem Boden habe ich in Eigeninitiative reumütig und energisch zugleich gegen dieses lang gehegte (Vor-)Urteil Nichtigkeitsbeschwerde eingelegt. Mein Urteil lautet jetzt: Man trinkt in Mexiko auch Wein. Immer mehr sogar. Und immer besseren. Da gab es zum Beispiel einen Weißen aus dem Valle de Guadalupe im Weinbaugebiet Baja California nahe der pazifischen Küste, der war, wie man so schön sagt, ein Gedicht. Moscato de Canelli, Chardonnay und Sauvignon blanc ergaben ein kleines mexikanisches Weinwunder mit den allerschönsten floralen Noten, einen außergewöhnlichen und unverwechselbaren Wein, der mir tropisch fruchtig, honigintensiv und zugleich gekonnt ausbalanciert lange im Gedächtnis bleiben wird. Seit dem 16. Jahrhundert wird in Mexiko Wein angebaut, das Land war die erste Weinbauregion des amerikanischen Kontinents. Warum soll den mexikanischen Winzern nicht gelingen, was kalifornischen, chilenischen und argentinischen Winzern gelingt? Sie erzeugen sehr gute trockene Weine. Mexiko wurde von der Reblaus verschont, das bedeutet, es gibt auch resistente einheimische Sorten, die äußerst interessant sind. Sicher, man muss in vielen Gastbetrieben und Geschäften den Wein erst einmal suchen, die Gläserkultur ist zum Teil grauenerregend und wenn man das Servicepersonal nach Empfehlungen fragt, erntet man oft nur ein Achselzucken oder ein etwas hilfloses Lächeln. Jeder Wein auf der Karte, meinte ein Kellner in Oaxaca offenherzig, ist der beste, den das Lokal zu bieten hat. Na ja, ausprobieren. Abenteuer, Neugier und die Suche nach dem Unbekannten. Das ist das wahre Leben.
Rupert Henning ist freier Schriftsteller, Film- und Theaterregisseur und Schauspieler. Er wurde für seine Arbeiten vielfach ausgezeichnet und lebt in Niederösterreich.














