Die Rache der Gruselmonster

Ein Artikel von Laura Hehn | 19.10.2020 - 12:00

Als ich noch klein war, war der 31. Oktober überhaupt nichts Besonderes – außer natürlich, dass am nächsten Tag schulfrei war. Dafür mussten wir zur Strafe mit unseren Eltern auf den Friedhof, alle Heiligen und Seelen besuchen. Unser Herbst-Highlight: das Fest des Heiligen Martin am 11. November, an dem wir mit selbstgebastelten Laternen eine Runde um die Schule drehen durften – ohne Verkleidung und ohne Naschzeug zur Belohnung. Wahrscheinlich gönne ich es den G´schroppen deshalb nicht, dass sie neuerdings am 31. Oktober in schaurig-schönen Kostümen durch die Straßen ziehen und Süßigkeiten erpressen dürfen.

Süßes, sonst gibt´s Saures
Trotzdem – oder vielmehr aus Angst vor dem Sauren, das mir drohte, wenn ich nicht genügend Süßes heranschaffte – deckte ich mich mit Totenkopfkeksen, Schokoriegel verpackt in Kürbis-orangem Papier und Gummizeug in Schlangenform ein. Im Jahr davor hatte ich nämlich genau das nicht gemacht und musste den Massen an überzuckerten Gruselmonstern, die an meiner Türe klingelten, erklären, dass es hier für sie leider nichts zu holen gab. Die netteren Kinder zogen enttäuscht ab, die Skrupelloseren hinterließen tatsächlich Saures in Form von Zahnpasta auf meiner Türe, Ketchup in meiner (langflorigen) Fußmatte und einem ekligem Irgendwas in meinem Blumentopf. Eine Gruppe, verkleidet als Zombies, verklebte sogar mit Kaugummi mein Türschloss.
Traumatisiert von den grausamen Ereignissen des Vorjahres arrangierte ich also die süßen Bestechungen in einer großen Schale und dekorierte sie mit einer Gummispinne, die ich auf dem Dachboden gefunden hatte und die im Dunkeln leuchten konnte. Ich hängte ein Plastikskelett an die Türe und schmückte den Türrahmen mit einer Kürbislichterkette. Mit „Thriller“ von Ober-Grusler Michael Jackson brachte ich mich noch in die entsprechende Stimmung und wartete auf den Einbruch der Dunkelheit.
Jetzt konnten sie kommen, die Mini-Vampire, Hexen und Zombies der Nachbarschaft. Doch sie kamen nicht – und so saß ich im Vorraum mit meiner Schüssel auf dem Schoss und sah aus, wie bestellt und nicht abgeholt. Mein Mann lachte mich anfangs noch aus, später wandelte sich sein Lachen zu einem mitleidigen Lächeln, bis er sich sogar an mir vorbei schlich, an der Tür klingelte und mit kindlicher Stimme „Süßes, sonst gibt´s Saures“ säuselte, um mich ein wenig aufzumuntern. „Du hast ja nicht mal ein Kostüm an“, brummte ich. Trotzdem ich manchmal Monster zu ihm sagte, wenn ich mich besonders über ihn ärgerte, machte das meine Enttäuschung nicht wett. Zwei Stunden wartete ich – und nichts geschah. Kein Frankenstein, keine Hexenbraut, keine Chucky-Mörderpuppe, nicht einmal eine Prinzessin oder Schmusekatze, die sich vom Fasching hierher verirrt hatte, ließ sich blicken.

Wein & Gummischlangen 
Irgendwann gab ich auf und rief meine Nachbarn an, ob sie nicht Lust auf ein Glas Wein und ein paar Süßigkeiten hätten (Wein und Gummischlangen sind eine hervorragende Kombination, wie sich später herausstellte). Eigentlich wurde es ein ganz netter Abend. Bis es kurz vor Mitternacht (!) an der Tür klingelte und eine Gruppe Kinder vor der Tür stand, die ihre ihnen zustehenden Süßigkeiten einforderte. Doch die Schale hatten wir leer gefuttert und im Haus war natürlich nichts anderes zum Naschen zu finden. Kaum waren die Kinder abgezogen, läutete es schon wieder. Und wieder. Und wieder. Und was soll ich sagen? Am nächsten Tag war meine Türe verschmiert, die Blumen skalpiert und meinem Plastikskelett fehlte ein Bein. Das nächste Jahr pfeif‘ ich wieder auf Halloween, werde einen kleinen Lampion aus Papier basteln und „Ich geh mit meiner Laterne“ summend die Heiligen und Seelen am Friedhof besuchen. Rabimmel, rabammel, rabumm.