A Eitrige mit an Buckl

Ein Artikel von Angelika Kraft | 04.06.2009 - 00:00
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© Wien Tourismus/Robert Osmark

Wissen Sie, was "a Eitrige mit an Schoafn, an Buggl und an Sechzehnerblech" ist? Während die Wiener unter Ihnen jetzt bestimmt milde wissend lächeln, haben die Nicht-Hauptstädter angesichts dieser Sprachgepflogenheiten große Fragezeichen im Gesicht. Hier kommt die Auflösung:
Es klingt zwar nicht besonders appetitlich, ist aber trotzdem etwas zum Essen - und zwar vom Würstelstand - oder wie es original heißen muss: Vom Würschtlstand. Wenn der Wiener also am Würschtlstand oben Genanntes ordert, gelüstet ihn nach einer Käsekrainer mit scharfem Senf, einem Scherzel Brot und einer Dose Ottakringer Bier. Zur Erklärung: Die Eitrige heißt so, weil der geschmolzene Käse, der aus der aufgeschnittenen Wurst fließt, eine ähnliche Konsistenz und Farbe aufweist wie... Sie können es sich bestimmt denken. Die Analogie des Buggls, beziehungsweise Buckels mit der Form eines Brotscherzels erschließt sich ebenso leicht. Beim Sechzehnerblech ist das Sprachbild schon nicht mehr ganz so offensichtlich erkennbar. Hier muss man wissen, dass sich der Sechzehner auf den 16. Wiener Gemeindebezirk bezieht, wo die Ottakringer Brauerei zuhause ist - daher Sechzehnerblech. Selbstverständlich gäbe es noch unzählige Fachausdrücke zu lernen, um am Würstelstand zu brillieren. Schließlich erschöpft sich das Angebot dieser Institution nicht in Käsekrainern mit Senf und Brot.
An dieser Stelle seien jedoch nur noch die "Haße" (Burenwurst), das "Oarschpfeiferl" (scharfer Pfefferoni) und der "G´schissene" (Kremser Senf) erwähnt. Auf alle Fälle schließt eine authentische Bestellung mit den Worten "owa tschennifa" (aber schnell). Tschennifa steht hier für die Verballhornung des Namens der Sängerin Jennifer Rush und rush heißt ja bekanntlich schnell. Alles klar? Die Fremdsprachenlektion abschließend - ohne Ihnen jedoch die Freude daran rauben zu wollen - sollte ich als Eingeborene mit jahrelanger Würstelstanderfahrung noch erwähnen, dass einige dieser Ausdrücke wohl eher in die Kategorie "urbane Legenden" gehören, denn ich habe noch nie erlebt, dass ein echter Wiener am Würstelstand tatsächlich zum Beispiel "a Krokodü" (Essiggurkerl) bestellt hätte. Trotzdem macht es Sinn - oder zumindest Spaß - dieses Basisvokabular zu beherrschen.

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© waldhäusl

KULINARISCHES WAHRZEICHEN
Die ersten Würstel verkauften die so genannten "Wiener Bratelbrater" bereits in der k.u.k.-Monarchie. Man kann bei den Würstelstandln also getrost von Wiens ältestem Fastfood sprechen. Heute gibt es in der Hauptstadt mehrere Hundert dieser "Nahversorger" und zweifellos sind sie - neben dem Wiener Kaffeehaus, dem Beisl und dem Heurigen - so etwas wie kulinarische Wahrzeichen von Wien geworden.
Auf alle Fälle ist der Würstelstand jener Ort, an welchem alle gesellschaftlichen Schichten in einer sozialen Grauzone aufeinander treffen. Mittellose Studenten stehen neben gut situierten Bankdirektoren, der Staatsopernbesucher dippt seine Käsekrainer Schulter an Schulter mit einem Zeitungskolporteur in den Senf, der schrullige Hofrat parliert jenseits aller Klassenunterschiede mit dem einfachen Bauarbeiter und der schon müde Nachtschwärmer trifft auf den noch müden Frühaufsteher. Zwischen Debreziner, Käsekrainer und Burenwurst soll sich schon so manches Gespräch entwickelt haben, das große gesellschaftliche Unterschiede für eine kleine Weile überbrückt hat.

WÜRSTELPARADE
Das traditionelle Angebot eines ordentlichen Wiener Würstelstandls umfasst neben einer Auswahl an Würsteln, die mengenmäßig beinahe an das Angebot an Kaffeespezialitäten eines Wiener Kaffeehauses heranreicht, meist noch Leberkäse, Hotdog und Langos.
Üblicherweise werden die Würstel aufgeschnitten mit einem Zahnstocher gespickt auf einem Pappteller serviert. Und da ein richtiges Wiener Würstelstandwürstel selten alleine kommt, gibt es dazu die klassischen Begleiter wie Brot oder Semmel, Kren, Ketchup und - ganz wichtig - Senf. "Süß oder scharf?" lautet dann meist die Frage aller Fragen. Schlussendlich und damit man auch ein bisserl Gemüse beim Menü hat, kann man zwischen milden, langen oder scharfen Ölpfefferoni, Salz- oder Essiggurken und Perlzwiebeln wählen. Als begleitendes Getränk zur Eitrigen wählt der traditionsbewusste Würstelstandkunde das obligate Dosenbier. Wer noch Platz für Süßes hat, verzehrt abschließend ein Packerl Mannerschnitten, Auer Baumstämme oder ein Pischinger Eck.

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© iStockPhoto

DAS KLEINE SACHER
Mein Fazit: Der Wiener Würstelstand, der in Anlehnung an das berühmte Hotel oft auch als das "kleine Sacher" bezeichnet wird, gehört zu Wien wie das Riesenrad oder der Stefansdom. Selbst Fastfood-Ketten, Döner-Buden und Pizza-Imbisse können dem Erfolg der Würstelstände nichts anhaben. Denn nur hier kann man gleichsam die Essenz des Wienerischen spüren und nostalgisch an die Geschmackskultur der k.u.k.-Zeit andocken. Also, auf zum Würstelstandler Ihres Vertrauens. Owa tschennifa!

Glossar

Bosna. Würzige Bratwurst in Weißbrot mit viel Senf und Zwiebeln. Ähnlich einem Hotdog.
Bratwurst. Dünne Grillwurst.
Burenwurst. Eine gekochte Bratwurst. Auch "Klobasse", "Burenhäutl" oder "Haße" genannt.
Debreziner. Dünn, leicht geräuchert und ungarisch scharf.
Frankfurter. Lang, dünn, knackig. Heißen in Deutschland übrigens "Wiener". Hotdog. Ein Würstel in einer ordentlich mit Ketchup getränkten länglichen Semmel.
Käsekrainer. Dicke, grobe Wurst mit Käsestückchen. Auch "Eitrige" genannt. Leberkäse. Normal, pikant oder mit Käse wird er heiß und scheibenweise in einer Semmel verkauft. Der "Gigerer" ist ein Leberkäse aus Pferdefleisch.
Waldviertler. Geräucherte Wurst mit deftigem Räuchergeschmack.

Wiens ältestes Standl

Leo´s Würstelstand gilt als Wiens ältester noch in Betrieb befindlicher Würstelstand. Er wurde 1928 von Leopold Mlynek gegründet, wirklich legendär wurde er jedoch erst durch Fritz Wilfing, der 25 Jahre lang Leo´s Würstel unter - oder besser gesagt: in - die Leute brachte.
Bundeskanzler Bruno Kreisky zählte zu den Stammgästen. Als jener das erste Mal kam, soll der Leibwächter von Kreisky gefragt haben, wie viel ein Würstel koste und Herr Fritz soll geantwortet haben: "Hundert Schilling". Auf die Gegenfrage, ob er ein bisserl deppert sei, hieß es dann: "Ich bin nur ein armer Knecht und das ist der große Bundeskanzler." Kreisky habe gelacht und danach bei jedem weiteren Besuch mit einem Hunderter bezahlt. Heißt es.
 
Würstelstand Leo.
1190 Wien, Ecke Nussdorfer Straße/Währinger Gürtel,
www.wuerstelstandleo.at
 

Würstel Spiel

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© www.wuerstelstand.net

Was es in den unendlichen Weiten des World Wide Web nicht alles gibt? Unter anderem das Würstelstand- Onlinespiel. Hier können Sie sich selbst als Würstelbrater versuchen und prominente Kunden wie Hans Moser, Richard Lugner, Falco, Harald Serafin oder Marcel Reich- Ranitzky bedienen. Klar, dass die Kunden Ihre Bestellungen in Wiener Mundart abgeben.
www.wuerstelstand.net
 

Home - Würstelstand

Egal, wie sehr man sich auch anstrengt, irgendwie schmecken die Würstel vom Würstelstand immer besser als jene, die man zuhause zubereitet. Der Grund dafür liegt im Kochwasser, das beim Würstelstand bereits so sehr von den Salzen, Fetten und Geschmacksstoffen der anderen Würstel gesättigt ist, dass es dieses unnachahmliche Aroma an die Würstel abgibt. Zuhause kann man sich mit einem kleinen Trick behelfen.
Opfern Sie eine Wurst - die so genannte "Opferwurst" - und schneiden Sie sie in Stücke. Kochen Sie diese in heißem Wasser einige Minuten aus. Dann legen Sie die zu kochenden Würstel in den entstandenen Sud ein und lassen sie ein paar Minuten ziehen. Wichtig: Das Wasser darf nicht kochen, sonst platzt die Haut.

Wiens beste Standln

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© waldhäusl

Bitzinger´s Würstelstand Albertiner
1010 Wien, Augustinerstraße 1
Würstelstand am Graben
1010 Wien, Ecke Seilergasse/Graben
Würstelstand am Hohen Markt
1010 Wien, Hoher Markt
Würstelstand am Schwarzenbergplatz
1010 Wien, Schwarzenbergplatz 1-2
Würstelstand am Schwedenplatz
1010 Wien, Schwedenplatz
Würstelstand Fleischmarkt
1010 Wien, Ecke Rotenturmstraße/Fleischmarkt
Würstelstand Stadtpark
1010 Wien, Stadtpark gegenüber dem MAK
Würstelstand Zur Oper
1010 Wien, Kärntner Straße 42
Zum kleinen Sacher
1030 Wien, Ecke Rennweg/Fasangasse
Würstelstand Horvath
1040 Wien, Naschmarkt 67-68
Mariahilfer Wurststadel
1060 Wien, Ecke Mariahilfer Straße/Amerlinggasse
Würstelstand Quellenplatz
1100 Wien, Quellenplatz 4
Würstelstand Europaplatz
1150 Wien, Europaplatz
Würstelstand Technisches Museum
1150 Wien, Linzer Straße 2
Christines Schnellimbiss
1220 Wien, Obachgasse 40

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© Archiv

Aus dem GENUSS.MAGAZIN Ausgabe III/09