Im Wald und auf der Heide

Ein Artikel von Alexander Lupersböck | 15.11.2011 - 16:15
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Sommer, Sonne, süffiger Wein: Ein guter Tropfen sollte zu dieser Jahreszeit im Picknick-Rucksack nie fehlen © Steiermark Tourismus

Uns, den wein.puristen, ist trotz unseres Namens jeglicher Dogmatismus fern. Wir sind reinen Herzens bei der Sache und schätzen die Vielfalt der Weine und Meinungen. Also sind die hier empfohlenen Weine nicht nur auf einer Picknickdecke wunderbar zu genießen, sondern genauso gut am Balkon, auf einer Terrasse, ja sogar in geschlossenen Räumen. Jeder nach seiner Façon. Denn diese Weine schmecken in der heißen Jahreszeit überall. Wenn Sie sich aber die Mühe machen, tatsächlich mit Sack und Pack (Wer hat eigentlich den Picknickkorb erfunden? Jedenfalls niemand, der vorhatte, damit eine gewisse Strecke zu wandern. Rucksäcke sind viel praktischer.) ins Freie zu ziehen, werden Sie für jedes Gramm, welches Sie nicht schleppen müssen, dankbar sein. Also möchten wir auf Flaschenöffner verzichten können und bevorzugen Dreh- oder Glasverschlüsse. Diese besitzen einen weiteren unschätzbaren Vorteil: Die Flaschen können damit wiederverschlossen werden, falls man nicht alles auf einmal trinkt. Außerdem hält man damit Krabbeltiere von den Elixieren fern.

Alles andere als leicht

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Frische Luft macht hungrig ? genießen Sie ein Mahl im Freien © Steiermark Tourismus

Das war der Jahrgang 2010 für die Winzer in Österreich und Deutschland. Wir erinnern uns an viele Regengüsse, die von wenigen Hitzeperioden unterbrochen waren. Ein Jahr der Extreme, das durch einen schönen Herbst (wieder einmal) gerettet wurde. Und hier liegt auch die Krux für leichte Weine: Früh gelesen, hatten sie einfach noch nicht die physiologische Reife, die die Ende Oktober oder Anfang November geernteten Weißweine so wunderbar präzise und elegant werden ließ. Gute Weine mit maximal 12 % Alkoholgehalt zu produzieren, war wirklich eine Herausforderung. Die Erzeuger haben sie mit Bravour angenommen. Es zeigte sich aber, dass nicht alle Sorten dafür gleich gut geeignet waren. Und im Vergleich zur Vorjahresverkostung ergaben sich einige interessante Unterschiede.

Zu früh oder zu spät

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Hochheimer Kirchenstück, die eine Paradelage von ? © Steiermark Tourismus

2010 verkosteten wir die Picknickweine für die Mai-Ausgabe, also gut zwei Monate früher. Vielleicht war es damals für die Muskateller zu früh, denn sie konnten unsere Erwartungen nicht erfüllen. Heuer hingegen war Muskateller die erfolgreichste Sortengruppe mit 4 „3 Gläser“-Weinen. Was gibt es in der heißen Jahreszeit auch Besseres als einen gut gekühlten Muskateller? Manche werden sagen einiges, denn die Sorte spaltet die Weinliebhaberschaft: Entweder man liebt ihn oder man hasst ihn, kalt lässt er keinen. Dass Muskateller ohnehin nie hohe Reifegrade erreicht und sie auch nicht braucht, war 2010 bestimmt kein Nachteil.Anders beim Riesling: Irgendwie waren die österreichischen Vertreter außer Form. Nun macht der König (die Königin?) der Rebsorten in der Jugend heftige Entwicklungssprünge, aber dass das alle – aus verschiedenen Gebieten – gleich betrifft? Die deutschen Kollegen haben die Ehre der Sorte jedenfalls gerettet, allen voran das eigentlich nicht so sehr für Leichtweine bekannte Weingut Künstler. Allein der Lagenname „Hölle“ lässt uns aus Angst vor Dehydration gerne noch einen Schluck nehmen …Ähnliches gilt für die Sauvignons blancs: Im Vorjahr zum Verkostungszeitpunkt etwas zerzaust, brillierten heuer viele von ihnen mit Frische und Knackigkeit. Es gab keine Ausreißer nach unten, allerdings manche Weine, die es mit der Grasigkeit etwas übertrieben haben.

Verlierer ...

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? Gunter Künstler im Rheingau, der seinen Namen völlig zu Recht trägt © Steiermark Tourismus

Es ist vielleicht nicht ganz fair, von Verlierern zu sprechen, aber dass sich Burgunder-Sorten, also Weißburgunder und Chardonnay, im leichten Bereich schwertun, ist bekannt. So sehr wir diese Sorten auch schätzen: Da sie weniger mit Aromatik als mit Struktur und Langlebigkeit punkten, brauchen sie eine gewisse Reife, um ihre Vorzüge auszuspielen. Und 12 % ist da wirklich die allerunterste Grenze. Respekt vor allen Winzern, die trotzdem sehr gut abgeschnitten haben. Etwas besser präsentierte sich übrigens der oft vergessene Neuburger, der auch als leichtere Variante überzeugen kann und außerdem der wahrscheinlich beste Wein zum Käse ist.

... und Gewinner

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Ob Weißwein, Rosé oder Roter ? unsere Verkostung hat gezeigt:  Viele Weine eignen sich als Picknick-Begleitung © ÖWM/Faber

Cuvées und Gemischte Sätze konnten voll überzeugen. Während bei der Cuvée die Möglichkeit der Anpassung und des Ausgleiches durch geschickte Zusammenstellung gegeben ist, erfolgt diese beim Gemischten Satz sozusagen natürlich im Weingarten. Interessant dabei war, dass wir in den besseren Exemplaren einen deutlichen Riesling-Anteil zu verspüren glaubten, obwohl dieser reinsortig nicht überzeugen konnte.Welschriesling sollte an sich immer knackig sein. Hohe Reife wird bei dieser Sorte nicht gesucht, und sie stellt sich auch erst spät ein. Daher konnte sie sich im Jahr 2010 gut durchsetzen, und es gibt besonders viele schöne Vertreter. Einige, die diese Reife nicht abgewartet haben, wurden auch nicht mit mehreren Gläsern belohnt.Der Sämling oder die Scheurebe wird ebenso wie der Welschriesling gerne vergessen. Oder als zu minder für Weinspezialisten angesehen. Dabei kann Sämling so viel Spaß machen! Zarte Herbe, feine Pfir-sich-Noten und ganz dezente Restsüße: Es gibt kaum einen besseren und vielseitigeren Sommerwein! Während vor einigen Jahren Rosé eher noch als Nebenprodukt, wenn nicht sogar als Resteverwertung gesehen wurde, nahmen seine Bedeutung und die Durchschnittsqualität stark zu. Rosé ist nicht nur beim Schaumwein „in“, modebewusste Menschen können sich einen Spaß daraus machen, ihren Lieblings-Rosé auf Handtasche und Nagellack abzustimmen (oder umgekehrt). Und tatsächlich bieten Rosés viele Vorzüge für unseren Zweck: Sie sind vielseitige Speisenbegleiter, zu Schinken, Lachs, ja sogar zu widerspenstigen Eiern. Eine interessante Spielart ist der Blanc de Noirs, also ein gleich- oder weißgepresster Rotwein, der nicht auf der Maische belassen wird und damit keine Farbe auslaugen kann. Eine gute Verbindung aus Frische und Cremigkeit ist das Ergebnis und sollte für die Tafel im Freien nicht außer Acht gelassen werden. Während diese Variante in Deutschland durchaus häufig anzutreffen ist (und deutlich mehr Freude bereitet als unreife Rotweine), ist sie in Österreich exotisch. Aber Johann Topf beweist mit seinem weißen Zweigelt, wie gut sie sein kann: für uns einer der besten Weine der Verkostung!Das gälte auch für den 2010 Spätburgunder Weißherbst vom Weingut Künstler in Hochheim, der aber mit 12,5 % die Einreichbedingungen nicht erfüllte.

Picknick in Rot

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Zählten wieder einmal zu den Besten: Markus und Peter Skoff aus Gamlitz © Weingut

Im Vorjahr haben wir Rotweine vom Picknick noch ausgeschlossen, heuer wollten wir sehen, welche Gedanken sich Winzer dazu machen. Wir baten um Weine, die man auch und speziell leicht gekühlt genießen kann. Die Einreichungen haben uns dann, gelinde gesagt, überrascht. Weine mit 13,5 % Alkohol werden auch mit 14 °C nicht wirklich sommerlich leicht, und deutliche Holz-Noten befördern die Frische auch nicht gerade. Aber, wie eingangs erwähnt, wir sind ja an Vielfalt interessiert und haben uns diese Weine am Grillplatz zum T-Bone-Steak vorgestellt. Ausdrücklich empfohlen seien die drei topbewerteten Roten von Ewald Gruber, Schloss Gobelsburg und Stift Klosterneuburg: Die machen auch bei großer Hitze beste Figur!Von den eingesandten deutschen Rotweinen entsprach rund die Hälfte nicht den Ausschreibungsbedingungen: entweder kein Alternativverschluss oder nicht trocken oder beides. Wir verkosteten sie trotzdem und bei einem Wein ist es wirklich schade, denn wir hätten ihn mit „3 Glä-ser“ bewertet: den 2010 Cossmann-Hehle feinherb vom Weingut Deutzerhof an der Ahr. Aber die Bezeichnung „feinherb“ sagt es schon, er ist nicht trocken, da müssen wir streng sein.

Keep it cool

Kühlmanschetten gehören in jedes Tiefkühlfach. Man kann damit auch zu Hause schnell einen Wein auf Trinktemperatur bringen, wenn überraschend Gäste kommen oder man sich spontan zu einem Schluck entschließt oder der Koch das Programm umstößt. Damit bringt man auch seinen Lieblings-Picknickwein gut temperiert zum Zielort. Man kann jedenfalls damit rechnen, dass der Wein ohnehin schnell wärmer wird (die Gläser sind ja wohl kaum gekühlt), damit geht sich das für Rotweine wohl auch aus. Diese könnte man temperiert auch in Alufolie einwickeln – die isoliert ziemlich gut. Lassen Sie Ihre Phantasie spielen, denn die gehört schließlich zum Picknick dazu! Und stellen Sie den Spaß in den Vordergrund, denn so ernst wir das Thema „Wein“ auch nehmen: Er soll uns in allererster Linie Freude bereiten.

Die Verkostung

Passend zum Thema wollten wir die Trinkfreude und Bekömmlichkeit diesmal in den Vordergrund stellen, das schöne Frühlingswetter erlaubte Reflexionen auf den Sommer. Wein.puristen können aber nicht ganz über ihre Schatten springen, und so setzten sich auch hier wieder die komplexeren, eleganteren Weine durch. Die Weinakademiker Ursula Ludwig, Daniela Dejnega und Alexander Lupersböck bewerteten 216 von 234 österreichischen und 42 von 46 deutschen Weinen. Der Jahrgang ist 2010, sofern nicht anders angegeben.

Cuvées und Gemischte Sätze

Der Vorteil einer Cuvée: Der Winzer kann je nach Jahrgang ausgleichend eingreifen. Der Vorteil des gemischten Satzes: Irgendwas wird immer reif. Gute Voraussetzungen also für die Vielfalt. Auffallend war, dass sich Weine mit (vermutetem) Riesling-Anteil besonders gut präsentierten

Muskateller

Man liebt ihn oder hasst ihn: Muskateller lässt niemanden kalt. Seine Eignung für die warme Jahreszeit ist unbestritten, als Essensbegleiter ist er etwas kaprizös, aber zu Gebackenem geht er immer. Mit Abstand die Sortengruppe, die uns am meisten überzeugte: Muskateller braucht keine hohe Reife, um wirklich gut zu werden, das war 2010 eindeutig ein Vorteil.

Sauvignon blanc

Sommer und Sauvignon – was soll da schiefgehen? Die grasigen oder Blüten-Aromen wirken per se schon frisch, wenn die Weine Mineralik transportieren und nicht nur laut sind, wird dieser Eindruck noch verstärkt.

Welschriesling

Anders als die Burgunder-Sorten lebt der Welschriesling (in Österreich gerne mundartlich auf „Wölsch“ verkürzt) von seiner Knackigkeit und Frische und ist ein perfekter Sommerwein – wenn, ja wenn nicht versucht wird, ihn allzu sehr in diese Richtung zu treiben. Manche verwechseln offenbar Frische mit Unreife, die unbestechlichen wein.pur-Verkoster tun das nicht.

Sortenvielfalt

Nur die beiden sehr schönen Roten Veltliner verhinderten eine reine Aromasortenkategorie. Sämling bzw. Scheurebe sind uns noch aus dem Vorjahr als bestens geeignete Sommerweine in Erinnerung. Am anderen Ende des Spektrums tummeln sich diesmal die Rieslinge: kollektiv schlechte Form bei der Verkostung oder doch mangelnde Reife bei den leichten Weinen? Wohl eine Mischung aus beidem …

Burgunder-Sorten

Chardonnay, Weißburgunder und Neuburger haben einen kleinen, aber entscheidenden Nachteil: Sie brauchen eine gewisse Reife, um Struktur zu erlangen und eignen sich daher nur sehr bedingt für leichte sommerliche Weine – das wurde hier wieder einmal bestätigt.

Schilcher und Rosé

Roséweine erleben einen seit Jahren ungebrochenen Boom, und sie sind eigentlich perfekte Begleiter fürs Picknick: die Frische eines Weißweines gepaart mit dem Schmelz des Rotweines. Den einzigen österreichischen Blanc de Noirs (weißgepressten Rotwein) von Johann Topf empfanden wir als einen der besten Picknickweine überhaupt.

Rotweine

Im Vorjahr haben wir Rotweine vom Picknick noch ausgeschlossen, heuer wollten wir sehen, welche Gedanken sich Winzer dazu machen. Abgesehen von den leichteren, lebendigen Weinen, die leicht gekühlt besonders viel Freude machen, wunderten wir uns darüber, dass einige Erzeuger barriqueausgebaute Weine mit 13,5 % als Picknickweine einstufen. Immerhin: Am Grillplatz haben sie auch ihre Berechtigung, aber auch da würden wir weniger schwere Weine bevorzugen.

DEUTSCHLAND

Sortenvielfalt

Wer Deutschland mal abseits von Riesling erleben will, wird in dieser gemischten Gruppe sicherlich seinen Picknickwein finden. Auffallend sind die schöne Frische und Eleganz in den Weinen.

Riesling

Riesling und Deutschland, das scheint eine natürliche und stimmige Verbindung zu sein. Viele Weine sind auf eine selbstverständliche Art gut. Einige allerdings auch etwas fragwürdig. Vor den Vorhang bitten wir das Weingut Künstler, welches mit gleich zwei Weinen die Nase vorn hat.

Die Ergebnisse der Verkostung finden Sie in unserer Rubrik Wein/Die besten Weine