Zwirch zurück

Ein Artikel von Walter Eckensperger | 24.06.2012 - 11:56
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Riede mit Weitblick - Zwirch öffnet sich gegen Süden und bietet neben großen Weinen auch ein wunderschönes Panorama © Eckensperger

„Ja, sicher, das machen wir, das wird spannend, und wir nehmen natürlich die Veltliner von Zwirch, da sind die Weine besonders elegant und langlebig“, so antwortete Ludwig Neumayer auf meine Anfrage bezüglich einer Vertikale seiner Weine. Die Riede Zwirch, von deren Weinen in der Folge die Rede sein wird, liegt oberhalb von Inzersdorf, in einer Übergangszone innerhalb der komplexen Geologie des Weinbaugebiets Traisental: Im Osten, zur Donau hin, dominieren tiefgründige Lössböden. Im Westen, Richtung Wachau, finden sich klassische Urgesteinsböden, Granulite. In der Gegend um Inzersdorf liegt die schmale Übergangszone zwischen diesen beiden Formationen, die von mageren und kalkreichen Konglomeratböden geprägt ist. Zwirch selbst ist eine windgeschützte Hochkessellage mit Mischböden aus Lehm und Konglomerat mit hohem Kalkanteil. Von hier kommen Weine mit einem ganz eigenständigen Pro_ l, mit festem Rückgrat, würziger Finesse, feiner Mineralität und großer Langlebigkeit – zumindest wenn Ludwig Neumayer die Veltliner- Trauben keltert. 2009 wurde Zwirch von den Österreichischen Traditionsweingütern als Erste Lage klassi_ ziert. 

Kompromissloses Qualitätsstreben

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Topweine aus kleinbäuerlichen Wurzeln -der Innenhof von Ludwig Neumayers Weingut © Weingut

Ludwig Neumayer ist wohl die herausragendste Winzerpersönlichkeit des Traisentals – unbedingtes Streben nach Qualität formt außer ordentliche Weine von großer Präzision, und das schon zu Zeiten, als das Traisental noch eher für Heurige mit großen Portionen und leicht trinkbaren Weinen bekannt war. Beides gibt es heute noch, aber dazu eben eine stattliche Zahl von äußerst qualitätsbewussten Winzern, wobei der Leitbetrieb eben das Weingut Ludwig Neumayer ist. Mit der ihm eigenen Kompromisslosigkeit verfolgt er seine Linie, immer mit dem Blick auf internationale Standards. Ich erinnere mich an eine Verkostung, wo ich eher scherzhaft und leise die Kosten für seine Weine kritisierte. Ludwigs Antwort: „So viel wie bei mir zahlst du für einen bestenfalls durchschnittlichen Roten auch, hier kriegst du darum Weißweine, die zu den Besten der Welt gehören!“ So _ apsig die Antwort klingen mag, so wahr ist sie in ihrem Aussagegehalt. Die Listung von Neumayer-Weinen in einigen der besten Restaurants der Welt bestätigt ihn.

Elegante Weine für eine lange Reifung

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Ludwig Neumayer: "Der beste Lagerplatzfür Wein ist die Erinnerung" © Weingut

Die Zeitreise mit den und durch die Grünen Veltliner von Zwirch begannen wir mit dem Jahrgang 1977. Ludwig Neumayer schloss in diesem Jahr die Weinbaufachschule Klosterneuburg ab, der Betrieb war noch ein landwirtschaftlicher Mischbetrieb, in dem der Wein noch nicht einmal die Hauptrolle spielte. Gleichzeitig war der Jahrgang 1977 der erste, den die Neumayers überhaupt bei einer Weinmesse einreichten. Neumayers These, dass gerade filigrane, elegante, säurebetonte Weine besonders schön altern, wurde im Laufe der Verkostung eindrucksvoll bestätigt. Natürlich gab es auch Weine, die ihren Höhepunkt überschritten hatten. Sie waren oxydier t, nicht mehr als Veltliner erkennbar. Alexander Lupersböcks These, dass man diese Flaschen als trockenen Sherry vermarkten könnte, muss dahingestellt bleiben. Das galt etwa für den 1993er, wo die vorletzte Flasche aus dem Keller einen Korkfehler hatte, die allerletzte dann oxydiert war. Es gibt eben in einer vergänglichen Welt nichts Unvergängliches. Aber: „Der beste Lagerplatz für Wein ist die Erinnerung“, wie Ludwig Neumayer mehrmals im Laufe des Nachmittags seine eigene Homepage zitierte … Besonders spannend innerhalb der Vertikale war der Veltliner von 1986, den wir sowohl im klassischen als auch im Barriqueausbau verkosten konnten, wobei sich eindrucksvoll die Vielgestaltigkeit der Möglichkeiten des Grünen Veltliners zeigte. 2005 und 2006 lagen sowohl mit Schraubverschluss als auch mit Naturkorken vor. Neumayer erzählte, dass er sich zunächst gegen den Schraubverschluss gewehr t hatte, eher nach optimalen Korken suchte und erst später zu einem „bekennenden Fan des Schraubers“ wurde. Bei der Verkostung selbst sah er in der Flasche mit Schraubverschluss die von ihm angestrebte Stilistik eher gegeben, „die Eleganz ist besser über die Zeit bewahrt“. Generell zeigt sich der verkorkte Wein im Glas etwas dunkler, mit einem Hauch von Bernstein. Das Geschmacksbild ist eher breiter, behäbiger, vollmundiger, im Abgang wirkte der Wein eine Spur lascher als sein „geschraubter“ Zwilling. Der Wein aus der alternativ verschlossenen Flasche brauchte etwas Zeit im Glas, um sich zu entfalten, dann aber wirkte er im direkten Vergleich fruchtiger, spritziger, eleganter, die Säure war klar und präzise, sehr präsent am Gaumen. Generell waren alle verkosteten Weine ungemein jugendlich und frisch. Immer wieder musste man zur Erinnerung auf die Etiketten blicken, um sich das Alter der Weine in Erinnerung zu rufen. Wir waren mit Weinen konfrontier t, die eine Komplexität und Frische aufwiesen, die man bei jüngeren Weinen oft vergeblich sucht. Neumayers Programm, Weine zu keltern, die hochelegante Speisenbegleiter sind, wird auch bei den gereiften Flaschen mustergültig eingelöst•

wein.pur.Info

 Weingut Ludwig Neumayer 3130 Inzersdorf ob der Traisen Dorfstraße 37 Tel. & Fax +43/(0)2782/82985 www.weinvomstein.at  

Grüner Veltliner Zwirch.pur

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Patina außen, burgundische Größeinnen - Veltliner Zwirch 1983 © Weingut

Die Vertikalverkostung der Grünen Veltliner Zwirch fand am 9. August 2011 am Weingut Neumayer in Inzersdorf und zu fortgeschrittener Stunde im Nibelungenhof in Traismauer statt. Wir danken in diesem Zusammenhang für die freundliche Betreuung und die sensationelle kulinarische Begleitung. Für wein.pur verkosteten Siegrid Mayer, Alexander Lupersböck und Walter Eckensperger, außerdem als Gast Karl Neumayer, der Bruder des Winzers. Kommentare des Winzers fließen in die Beschreibungen als Zitat mit ein. Bis 2004 waren alle Flaschen mit Naturkork (NK) verschlossen, danach wie jeweils angegeben, seit 2008 werden alle Weine mit Schraubverschluss (SV) abgefüllt. 

 1977 Ein Wein von zeitloser Reife, umweht von einem leicht morbiden Hauch spannender Tertiäraromen, klar strukturiert und lebendig, schöne Spannung, guter Druck am Gaumen, dezente Säure, Schwarzbrot, etwas Lebkuchen, dezente Sherry-Noten, ein erstes Denkmal beginnender Weinbaukunst. 1983 Ein sehr heißer Sommer, trockener, schöner Herbst. Der Wein verändert sich schnell im Glas, öffnet sich dann zu burgundischen Noten. Apfelschalen, leicht nussig, Ananas, Williamsbirne, dezent hefi ge Noten. 1985 Aus dem Jahr des österreichischen Weinskandals – „Man war damals froh, einen wirklich trockenen Wein zu haben“, der Zwirch spiegelt ein eher frostiges Jahr wider. Im Glas sehr hell, grünliches Lichtspiel, dezente Säure, zart und doch pikant, Apfel- und Birnen- Aromen, fein mineralisch. 1986 (Barriqueausbau) Das Jahr war geprägt von starker Verrieselung und einer entsprechend kleinen Ernte. Es gab im Traisental mächtige Weine, sehr reif und dicht, gleichzeitig sehr sauber, „kein Körnchen Botrytis“, „ideal für den ersten Versuch mit dem kleinen Holzfass“. Eichen-Ton und starkes Toasting standen im Vordergrund. Der Wein präsentiert sich mächtig und klar, samtig am Gaumen, deutliche Honig-Noten, Kiefernnadeln, Vanille, Kokos, sehr muskulös, „der Weißwein zum Steak“. 1986 (Stahltank) Exotische Früchte, Birne, Mandel, getrocknete Marille, leichter Zu ckerrest spürbar, dezentes Karamell, druckvoll, klingt lang nach. 1987 „Da haben wir es mit ganz, ganz wenig Schwefel versucht.“ Der Wein ist oxydiert, weit über seinem Höhepunkt. „Auch wir haben kein Abo auf Langlebigkeit.“ 1990 20 Jahre sind ein Tag – ein großes Erlebnis, ein wahrhaft „nobler Wein“, gepfl egt sportlicher Senior. Rund, geschmeidig, klar fruchtig, Birne, Mirabellen, elegante Karamell- Noten umfangen von feiner Citrus-Säure, Orangenschalen, langer Abgang. 1991 Im Vergleich zu 1990 eine andere Form des Alterungsprozesses. Kaum vordergründige Altersnoten, präsente Säure, streng, steinig, mineralisch, etwas Weihrauch, Apfel, weißer Pfeffer, Schiefer, reif und dicht. 1992 Ein Jahr „für brave Veltliner“. Zwei Dekaden danach verbindet sich ein Hauch frischer, lebendiger Jugendlichkeit gut mit deutlichen Reifearomen und einem feinen Säurerest. Orangenschalen, leicht milchige Noten, Williamsbirne, Vanilleschoten, burgundische Anklänge. 1993 Oxydiert, „trockener Hustensaft“, jedenfalls kein Veltliner mehr. 1994 Ein „eher schwächeres Jahr“, mittelgewichtiger Wein mit leichten Anklängen an Petrol in der Nase, Steinobst, Kräuter, Pfeffer, Zesten, nicht unspannend, aber auch nicht groß. 1996 Teilweise als „Katastrophenjahr“ beschrieben, bei Ludwig Neumayer gab es aber dank extrem später Lese sehr extraktreiche Weine. Die verkostete Flasche ist allerdings fehlerhaft, ein Hauch von Größe lässt sich ahnen, aber nicht wirklich schmecken. 1997 Faszinierende Fruchtaromen, wunderbar reif, Apfel, Birne, Zesten, etwas Rosinen, Steinobst, Zuckermelone, dazu feine Mineralik für eine eher kühle Stilistik, fi ligran, differenziert, straff, dezente Reife- Noten, aber noch immer enormes Potenzial, ein „großes Jahr für Veltliner“ grüßt über die Zeiten archetypisch aus der Flasche. Weltklasse! 1999 Cremige Textur, schmalzig, exotischer Fruchtkorb, etwas Banane, Honig, brauner Zucker, fl oral, Apfel- und Birnen-Aromen, etwas unbalanciert. 2000 Das Hitzejahr spiegelt sich in einem eher breiten, schwergewichtigen Wein, intensive Fruchtigkeit, Ananas, Steinobst, nussig, etwas Karamell, Vanilleschoten, Gewürze, leicht rauchig. 2001 Korkfehler 2002 „Irgendwie anders als die anderen“, intensives (und eher untypisches) Goldgelb, barocke Stilistik, sehr rund, cremig, würzig, Ananas, Karamell, auch Bienenwachs und Orangenschalen, dezente Bitternoten, grüner Pfeffer, Wein mit einem „feierlichen Touch“, sehr stimmig. 2003 „Eines der wirklich schlimmen Veltliner-Jahre“, der Wein selbst präsentiert sich ansprechend, trinkfreudig mit feiner Säure und differenzierter Frucht, freilich ohne besondere Größe. 2004 Florale Noten, leicht krautig, dropsig, Apfel, ein Hauch Küchenkräuter, unrund, wirkt fast unfertig, dürfte aber dennoch (oder gerade deshalb) nur wenig Zukunft haben. 2005 (SV) „Der Schrauber löst einfach viele Probleme.“ Orangenschalen, Mandarine, Apfel, dezente Citrus-Aromen, Marille, feine Säure, sehr präzise, fast noch spritzig, „näher am Original“. 2005 (NK) Wirkt im Vergleich zu seinem Zwilling „weiniger“, reifer, im positiven Sinn älter, gereifter. Ananas- Noten, Apfel, Williamsbirne, Limette, sehr rund, etwas Zigarre, grüner Pfeffer. 2006 (SV) Fruchtige Säure, leicht trinkbar, angenehmer Fluss, noch sehr knackig, vielleicht sogar noch etwas ruppig, verändert sich stark im Glas, „außergewöhnlich gesundes Traubenmaterial“ ergibt einen urtypischen Veltliner. 2006 (NK) Vollfruchtig bei schöner Säure, zupackend, strahlend, Birne, Vanille, Marille, ganz leicht pfeffrig, wirkt generell etwas runder, gereifter, verändert sich weniger an der Luft. Beim Zurückverkosten nach etwa 40 Minuten sind die Unterschiede zum Schraubverschluss nur noch sehr marginal erkennbar. 2007 (NK) Kräuter-Noten mit exotischen Fruchtanklängen, Limette, Zesten, Mandarine, ein Hauch Vanille, etwas Tabak und Weihrauch, klare Säurestruktur, feine Mineralität, im Abgang fast hart. Wirkt jugendlich, frisch, hat wohl noch viel Potenzial. 2008 (SV) „War ursprünglich eher schwach, hat sich jetzt aber gut entwickelt.“ Unmittelbar zugänglich, freundlich, fast schmeichelnd, fällt insofern etwas aus der Reihe. Voll fruchtig, reif, Birne, Apfel, Orange, guter Trinkfluss, feiner Nachklang. Jetzt trinken! 2009 (SV) Intensive Frucht nach Ananas, Apfel, Mandarine, Tabak, exotische Noten, weißer Pfeffer, Melisse, prickelnd und frisch, kernig, klar, präzise, sehr elegant, großes Potenzial. 2010 (SV) Duftig und facettenreich, exotisch, Apfel, Williamsbirne, etwas Tabak, Obstkorb, reife Grapefruit, rassig am Gaumen, gute Struktur, feine Säure, langer Abgang. Verspricht ein langes Leben mit würdevoller Reifung.