„Kleine“ Winzer und große Champagner

Ein Artikel von Gerhard Eichelmann | 06.10.2013 - 10:25
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© CIVC

Keine andere Weinbauregion in Europa ist so in Bewegung, so dynamisch wie die Champagne. Dabei war lange Zeit alles einfach und überschaubar in der Champagne, die Rollen waren klar verteilt: Die Winzer, denen 90 % der Weinberge in der Champagne gehören, kümmerten sich um eben diese, verkauften aber ihre Trauben oder den gekelterten Most an die großen Champagnerhäuser. Viele dieser Champagnerhäuser hatten und haben selbst keine Weinberge, sondern kaufen ausschließlich Trauben oder Most zu, der gesamte Ausbau aber erfolgt bei ihnen, ebenso die Vermarktung.

Häuser & Winzer

Mit dieser Aufgabenteilung ist die Champagne gut gefahren, alle Beteiligten profitierten davon. Die großen Häuser, teils im Besitz französischer oder auch internationaler Konzerne, sind meist profitabel, und die Winzer bekommen so viel Geld für ihre Trauben, wie sonst nirgendwo auf der Welt: Bis zu € 8,– werden für ein Kilo Trauben bezahlt. Bis vor 100 Jahren gab es so gut wie gar keine Winzer, die selbst Champagner erzeugt haben. Eine Absatzkrise und der damit verbundene Verfall der Traubenpreise führten dazu, dass einige Winzer vor dem Ersten Weltkrieg anfingen, selbst Champagner auszubauen. Die nächstegroße Krise, die Weltwirtschaftskrise, führte Ende der Zwanziger- und Anfang der Dreißigerjahre dazu, dass weitere Winzer Champagner unter dem eigenen Namen zu vermarkten begannen – weil die Häuser ihnen nicht mehr die Trauben abnahmen.

Häuser versus Winzer

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Der Mont Aigu in Chouilly ist eine der Top-Lagen für Chardonnay © CIVC

Die Neugründungen der letzten 20 Jahre aber sind nicht aus einer Krise heraus entstanden, sondern in einer Phase des Wohlstands. Sicher mag manchmal der Antrieb gewesen sein, über die Selbstvermarktung noch besser zu verdienen. Vielen Winzern aber geht es schlicht darum, ein eigenes Produkt aus ihren Weinbergen zu erzeugen und unter dem eigenen Namenzu vermarkten. Und da man anders als die großen Häuser nur auf eine oder wenige Lagen zurückgreifen kann, stellt man, nach dem Vorbild Burgunds, diese Lagen heraus und erzeugt „Lagen-Champagner“.

Anselme Selosse
war der Erste, der Burgund zum Vorbild erklärte, und er ist heute auch der bekannteste Champagner-Winzer, verkauft seine Champagner zu Preisen, die viele Chefs der renommierten Häuser vor Neid erblassen lassen. Und wenn man sich bei diesen unbeliebt machen möchte, genügt es ganz einfach, im Gespräch einmal den Namen „Selosse“ fallen zu lassen.

Dass Winzer überhaupt Champagner herstellen, empfinden manche schon als Ärgernis, vorallem die Vertreter der großen Champagnerhäuser. Dass sie sich darüber hinaus noch erdreisten, Champagner aus einzelnen Lagen („crus“) oder gar Parzellen zu erzeugen, ist dann doch des Guten zu viel, denn es widerspricht dem, was die großen Champagnerhäuser zum Prinzip des Champagners erklärt haben, nämlich einen möglichst immer gleichschmeckenden Champagner aus möglichst vielen verschiedenen Lagen zu erzeugen.

Mehr Publizität

Die Presse hat Winzer-Champagner lange ignoriert, es ist keine zwanzig Jahre her, dass überhaupt erstmals in führenden Weinzeitschriften Winzer-Champagner vorgestellt wurden. Manche Zeitschriften ignorieren sie heute noch, schließlich sind es ja die großen Häuser, die Anzeigen schalten, nicht die kleinen Winzer. Trotzdem wird seit einigen Jahren verstärkt über Winzer-Champagner berichtet, was vor allem damit zu tun, dass einige der besten Winzer sich zusammengetan haben und gemeinsam ihre Champagner präsentieren.

Neue Gruppen & viel Bewegung

2009 präsentierte sich erstmals die Gruppe „Terres et Vins“ im Hotel Castel Jeanson in Ay. Die damals 17 Winzer stammen aus allen Regionen der Champagne; die zweite Besonderheit war und ist, dass man je drei Vins clairs, also Grundweine, präsentiert sowie drei dazu korrespondierende Champagner. Die Gruppe „Terreset Vins“ ist sehr homogen, zu ihr gehören viele und biodynamisch arbeitende Betriebe, auch wenn nicht alle zertifiziert sind, wie die Weingüter Agrapart, Bedel, Bérèche, Boulard, Doquet, Lahaye, Laherte oder Tarlant, die alle zu den Stars der Winzer-Champagner-Szene zählen.

Zwei Jahre später präsentierte erstmals eine zweite Gruppe, ebenfalls mit Winzern aus der gesamten Champagne: „Artisans du Champagne“. Das Konzept war das gleiche wie bei „Terreset Vins“, man präsentierte drei Vins clairs und drei Champagner je Betrieb. Die bekanntesten Winzer dieser Gruppe sind Dehours, Doyard, Lancelot-Pienne, Vergnon und Vilmart.

Ein weiteres Jahr später trat eine dritte Gruppe auf den Plan, mit identischem Konzept. Zu „Terroirs et Talents“ gehören Betriebe wie De Sousa, Philippe Gonet oder Janisson-Baradon. Da die Präsentationen an drei aufeinander folgenden Tagen stattfinden, bieten sie die Möglichkeit, in relativ kurzer Zeit mehr als 50 Winzer kennen zu lernen, Winzer, die zu den Besten in der Champagne gehören. Die Trends, die man bei diesen drei Gruppen von Beginn an feststellen kann, wieder Ausbau im Holz oder die Erzeugung von Einzellagen-Champagnern, die Beschäftigung mit biologischem und biodynamischem Anbau, findet man heute auch bei vielen Winzern außerhalb dieser Gruppe immer öfter – selbst bei vielen großen Champagnerhäusern. So ist eine Dynamik entstanden, die man der Champagne vor zwanzig Jahren niemals zugetraut hätte •

Buch.Tipp

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© Mondo Communications

„Das beste Buch über Champagner“– so lautete das Urteil eines französischen Kollegen über die letzte Veröffentlichung von Gerhard Eichelmann zum Thema „Champagne“. Alle vorgestellten Weingüter werden ausführlich inklusive der Stilistik der Weine beschrieben, dazu gibt es viel Wissenswertes über Champagner zu erfahren. Die Bewertungen der Weingüter und mehr als 4.000 Weine können wir gut nachvollziehen.


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Champagne“, Gerhard Eichelmann
Mondo Communications, 636 SeitenISBN 978-3938839331, € 49,95 (D)

Champagne.pur

Verkostet von Gerhard Eichelmann vom 21. bis 23. April vor Ort bei den drei Veranstaltungen „Terroirs et Talents de Champagne“, „Terre et vins de Champagne“ und „Artisans de Champagne“ Jahrgänge in Klammer bezeichnen Weine, die zwar ausschließlich von einem Jahrgang stammen, aber nicht als offizielle Jahrgangs-Champagner deklariert sind. CH = Chardonnay, PM = Pinot Meunier, PN = Pinot noir.

Fotos: Eichelmann, CIVC



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