Zwischen Weltklasse und Durchschnittswein

Ein Artikel von Uwe Kauss | 13.03.2014 - 22:15
13948953379744.jpg

© Kauss

In der deutschen Weinszene ist es bei Journalisten, Bloggern, Sommeliers, Händlern und Exporteuren längst ein Pflichttermin: Der VDP lädt zum Ende des August zwei Tage nach Wiesbaden ins ehrwürdige Kurhaus, um erstmals die Großen Gewächse (GGs) des aktuellen Jahrgangs der Öffentlichkeit vorzustellen. Sie sind seit dem 1. September im Verkauf. Über 120 Verkoster saßen an beiden Tagen vor ihren Gläsern, um sich ein Urteil über 420 Spitzenweine der etwa 200 VDP-Betriebe aus dem Jahrgang 2012 und über Rotweine aus 2011 zu bilden. Die Verkostungsnotizen unserer Auswahl, sind allerdings eine Momentaufnahme: Viele Weine waren sehr verschlossen und reduktiv, manche haben sich erst nach einer Stunde Luftkontakt ein wenig geöffnet. 2012 ist ein Jahrgang mit so vielen Facetten wie lange nicht. Fast einfache bis durchschnittliche Weine standen in der deutschen Premium Show direkt neben Gewächsen der Weltspitzenklasse. Der Jahrgang hat in allen Anbaugebieten gute Weine erbracht, so viel ist sicher. Doch Kosten, Vergleichen, Sortieren, Entscheiden– das ist bei der Auswahl von Großen Gewächsen diesmal besonders wichtig. Denn die Preise der GGs sinken nicht. Im Gegenteil. Viele Weine sind allerdings ihren hohen Preiswert. Doch 2012 muss man sie finden. Die meisten der etablierten Betriebe haben Kollektionen auf beachtlichem Niveau gezeigt. Doch nicht jedes GG ist 2012 auch ein Grand Cru.

Viel Säure, viel Restzucker

13948951359690.jpg

© DWI

Wie also lässt sich der Jahrgang nun einordnen? Die Antwort ist nicht einfach. Viele Winzer wie etwa der Rheingauer Weinmacher und Blogger Dirk Würtz vergleichen 2012 mit dem sehr schwierigen, kalten Jahr 2008: „2012 hatte der Riesling auf einmal wieder Säure, und wie! Reif waren sie eigentlich alle, die Trauben. Irgendwann, ganz gegen Ende des Herbstes, beinahe schon im November, hatten sie auch das passende Aroma. Die Säure ist präsent, aber sie ist nicht aggressiv oder wirkt irgendwie unreif. “Bei manchen Weinen stelle er dennoch „einen großen Hang zu deutlich mehr Restzucker fest. Das schmeckt dann aber leider mehr nach süßsauren Drops als nach Riesling“. Diese Beschreibung ist nach Einschätzung der wein.pur-Redakteure zutreffend.

Rein in die Karaffe

13948952242444.jpg

© Kauss

Prägende Säure, nicht zu präsente Süße, viel Extrakt und Körper; reife, oft ebenso präsente Gerbstoffe, guter Trinkfluss und eine ganz, ganz langsame Entwicklung: Diese Attribute beschreiben viele der Spitzenweine – wenn auch nicht alle. Bei der Verkostung im September zeigten sich diese Weine noch extrem verschlossen, entwickelten nach dem Öffnen kaum Duft, wenig Spiel, blieben schroff und gelegentlich kantig. Die 2012er GGs werden vor allem Zeit zur Reife brauchen – und beim frühen Öffnen eine bereit stehende Karaffe. Spitzen-Rieslinge, vor allem aus diesem Jahr, brauchen sehr viel Luft zur Entwicklung. Eine Stunde in der Karaffe, manchmal auch drei oder vier – diese Zeit zum Atmen macht aus einem grauen, groben und rohen Stein eine fein ziselierte, anmutige Statue. Das gilt nicht für alle Weine: Auch die Großen Gewächse zeigten sich sehr heterogen, zwischen Weltspitzenklasse und Durchschnittsware.

Ist 2012 ein Jahrhindertjahrgang?

13948951778425.jpg

Mut zum Risiko und der richtige Erntezeitpunkt waren 2012entscheidend - das Ergebnis sind langlebige Rieslinge © DWI

Insofern ist 2012 ein typisch gerades Jahr: 2002 und 2004 erbrachten sehr ähnliche Weine wie 2012 – und wenn die aktuellen Weine sich ebenso entwickeln, belohnt das Lagern die Weinfreunde in ein paar Jahren mit großartigen Weinerlebnissen. Der Jahrgang 2006 ertrank– außer in Franken – im Regen, das kalte 2008 brachte ähnlich wie 2012 stramme Säurewerte mit, noch deutlich mehr im Jahrgang 2010. Der neue Jahrgang ist kein Schmeichlerjahr wie 2007, 2009 und 2011. Deren fruchtbetonte Weine, mit moderaten Säurewerten ausgestattet, waren früh zugänglich und – na klar – ratzfatz ausverkauft. Doch viele GGs aus 2007 und sogar einige aus 2009 sind schon jetzt auf ihrem Höhepunkt oder darüber hinaus. 2004 bietet dagegen derzeit sehr viel Trinkspaß. Mit dem neuen Jahrgang muss man sich also ernsthaft beschäftigen. Die GGs erfordern diesmal von den Weinfreunden Geduld, Ruhe und eine sichere Hand bei der Auswahl. Es ist vor allem ein Jahrgang für den Keller. Denn die großen Weine werden noch viel Zeit brauchen, um ihre Qualität zu belegen. 2012 ist nicht der Jahrhundert-Jahrgang, es ist auch ein Jahrhundert-Jahrgang. In einigen Jahren werden wir das genauer wissen.

Riesling Großes Gewächs.pur

Die beiden wein.pur-Autoren Angelika Deutsch und Uwe Kauss stellen ihre Riesling-Favoriten vom Jahrgang 2012 vor. Diese Verkostungsnotizen wurden als Ergänzung zu den deutschen Rieslingen in der Riesling.pur-Beilage zu dieser Ausgabe erstellt. Verkostet wurden die Weine bei der alljährlich stattfindenden VDP-Präsentation im Kurhaus in Wiesbaden (GG = Großes Gewächs).


Die Ergebnisse der Verkostung finden Sie in unserer Weindatenbank