Gestatten, Sommelier!

Ein Artikel von Angelika Kraft | 25.05.2014 - 13:22

„Warum habe ich mir das bloß angetan?“ Das fragte ich mich in letzter Zeit häufiger. Schuld daran waren einige hunderte Seiten gefüllt mit Zahlen, Fakten und Daten zum Wein. Heute, zwei Wochen nach dem großen Tag, freue ich mich über die bestandene Prüfung zur Sommelière und über das unglaubliche Fachwissen, das ich mir in den vergangenen Wochen angeeignet habe. Heute schmeckt mir der Wein sogar wieder– das war während der zahlreichen Verkostungstrainings keineswegs immer der Fall. Aber alles der Reihe nach.

Erst Experte ...

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Mitte Mai stehe ich erstmals in Raum A601 des WIFI Wien und lerne meine rund 20 Mitstreiter kennen, mit denen ich die insgesamt neun Kurstage auf dem Weg zum Weinexperten verbringen werde. 60 Lehreinheiten stehen auf dem Programm, die Hauptfächer lauten Sensorik, Weinland Österreich und Getränkekunde. Daneben noch Weinbau, Kellerwirtschaft, Etikettensprache, Weinrecht, Wein international, Wein & Kulinarik sowie praktisches Weinservice. Außerdem sind ein paar Exkursionen zu Verkostungen, Präsentationen und zu einem Weingut geplant.

Unser Kursleiter, Walter Kutscher, ist selbst Diplomsommelier und beschäftigt sich sein halbes Leben mit Wein. „Im Prinzip bin ich nahtlos von Coca Cola zum Wein übergegangen“, schmunzelt er. Bereits seine Dissertation handelte von den Vermarktungswegen im Weinbau, später war er viele Jahre Geschäftsführer der Österreichischen Weinmarketing (ÖWM), seit 1987 ist er zusätzlichals Ausbilder tätig und seit 2006 Vizepräsident des Wiener Sommelier-Vereins. „Bereits die ersten Sommelier-Kurse fanden am WIFI Wien statt. Als Lehrgangsleiter habe ich hier im Laufe der Zeit bestimmt ein paar Hundert (Diplom-)Sommeliers ausgebildet“, resümiert er, gibt aber zu, „dass der Kurs früher einfacher war. Heute ist das Niveau und die damit verbundenen Anforderungen um einiges höher“.

Trotzdem stellen sich vor allem Personen aus der Gastronomie der Herausforderung. Immerhin hat man im Job bessere Chancen, wenn man ein Diplom als Sommelier vorlegen kann. „Nicht nur beim Gehalt sollte sich der Titel positiv auswirken“, ist Kutscher überzeugt, „auch was die Aufgabenbereiche und die Aufstiegschancen betrifft, stehen Absolventen einfach besser da. So kann ein ausgebildeter Sommelier zum Beispiel den Weineinkauf oder die Wartung des Weinkellers übernehmen.“ 

Jene, die ihre Zukunft nicht in der Gastronomie sehen, finden vielleicht im Weinhandel oder im Weinmarketing ihre Berufung. „Gerade größere Weingüter brauchen gut ausgebildetes Personal, das sich um Marketing und PR kümmert, Degustationen oder Messeauftritte organisiert“, so Kutscher. In meinem Kurs sind jedoch auch einige Teilnehmer, die sich aus ganz privatem Interesse angemeldet haben. „Ich wollte immer schon mehr über Wein erfahren. Jetzt bin ich in Pension und habe endlich die Zeit dazu“, verrät mir eine Mitschülerin. Und Kutscher berichtet von einer Opernsängerin, die den Kurs auch aus reinem Privatvergnügen begonnen hatte und nach dem Abschluss sogar beruflich in die Weinbranche gewechselt hat. „Etwa fünf Prozent der Teilnehmer belegen den Kurs aus privatem Interesse – Tendenz steigend, weil es heutzutage einfach zum guten Ton gehört, über Wein Bescheid zu wissen“, sagt Kutscher, „vor allem die Themen Wein & Kulinarik sind für Privatpersonen besonders spannend“.

Kutscher freut sich über diese Entwicklung, hat die Entscheidung, auch Privatpersonen die Ausbildung zum Sommelier zu ermöglichen, immer unterstützt. Voraussetzung ist eben nur die Bewältigung der ersten von drei Stufen zum Diplomsommelier: dem Weinexperten. Diese erste Hürde habe ich Ende Juni geschafft, die Prüfung erfolgreich bestanden, jetzt heißt es erst einmal den Sommer genießen und im Herbst geht es munter weiter.

... dann Sommelier

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Mitte September checke ich also wieder im WIFI Wien ein und freue mich auf die zweite Stufe der Ausbildung: den Sommelier Österreich. Nun sind es bereits 22 Kurstage mit insgesamt 124 Lehreinheiten. Auch der Stundenplan klingt schon um einiges umfangreicher. Die Fächer sind zwar dieselben geblieben, aber alles eben etwas ausführlicher. Drei dicke Ordner mit hunderten Seiten Skripten bekommen wir gleich zu Beginn in die Hand gedrückt. Puh! „Die Ausbildung zum Sommelier ist sicherlich kein Kinderspiel“, so Kutscher, „aber wenn jemand erst einmal vom Wein-Bazillus infiziert wurde, steigert man sich auch hinein.“

Eine ausgeprägte Liebe zum Wein sollte man allerdings schon mitbringen, Zeit zum Lernen und Team- fähigkeit ebenso. „Es hat sich gezeigt, dass jene Teilnehmer die sich in Gruppen organisieren und gemeinsam lernen und verkosten üben, besonders gute Ergebnisse erzielen“, verrät Kutscher. Wir nehmen uns diesen Rat zu Herzen und kosten und üben und lernen, was das Zeug hält.

Mitte Jänner dann diezweitägige Prüfung. Am ersten Tag steht der schriftliche Teil auf dem Programm, bei dem es gilt, in vier Stunden Fragen zu Weinland, Weinbau, Kellertechnik, Weinrecht und Getränkekunde zu beantworten. Anschließend geht es zur sensorischen Prüfung: Sieben Weine, ein Fehlerwein und zwei Spirituosen sind zu verkosten und zu beschreiben. Am nächsten Tag folgt der mündliche und praktische Teil: ein Fachgespräch zum Weinland Österreich, eine Weinberatung zum Thema Harmonie von Speisen und Getränken sowie ein Weinservice direkt am Gast.

Jedes dieser neun Fächer wird einzeln bewertet und muss positiv abgeschlossen werden. Auch diese Stufe habe ich geschafft und erhalte das Zeugnis zur „Sommelière Österreich“ und die Berechtigung, an der dritten Stufe dieser Ausbildung teilnehmen zu dürfen.

... und schließlich Diplomsommelier

Im Rahmen der Ausbildung zum Diplomsommelier geht es dann um den Weinbau der Welt: Spanien, Frankreich, Italien, Deutschland, aber auch Afrika und Amerika. 128 Lehreinheiten stehen auf dem Programm, am Ende ist nicht nur eine schriftliche, mündliche und praktische Prüfung, sondern auch eine Seminararbeit in Form einer selbst zusammengestellten Weinkarte gefragt. Wer diese Prüfung besteht, darf den Titel „Diplomsommelier“ tragen.

Mein Fazit: Ich habe die Zeit als Weinschüler sehr genossen, sehr viel Neues gelernt, bereits Gewusstes vertieft. Was den Lernaufwand betrifft, ist diese Ausbildung sicherlich nicht zu unterschätzen, aber der Moment, als ich das Zeugnis in Händen hielt, war ein sehr schöner. Die vergangenen Monate waren eine große Bereicherung für mich als Gourmetjournalistin und professionelle Verkosterin, aber natürlich auch als private Weintrinkerin. Ich habe viel über die Berufe des Weinbauern und des Sommeliers erfahren und ganz nebenbei ein paar tolle Menschen kennen gelernt. Übrigens: Die Freude und den Spaß am Wein haben wir alle nicht verloren – ganz im Gegenteil!

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© Walter Kutscher

Walter Kutscher


- Geboren 1953 in Wien
- Studium der Geschichte und Germanistik in Wien
- Geschäftsführer der Österreichischen Vereinigung für Wein und Kultur
- Geschäftsführer der Winzerhaus Weinvertriebsgenossenschaft



- Geschäftsführer des Dinstlguts Loiben
- Geschäftsführer der Österreichischen Weinmarketing
- Seit 2003 selbstständiger Wein-PR-Berater, Kursleiter am WIFI, Lektor an der Fachhochschule Eisenstadt und an der Universität für Bodenkultur
- Seit 2006 Vizepräsident des Wiener Sommeliervereins

Sommelier-Kurse Die dreistufige Ausbildung zum Diplomsommelier am WIFI Wien.

weitere Informationen zu den Weinkursen am
WIFI Wien
1180 Wien, Währinger Gürtel 97
Tel.: 01 47677-5555
www.wifiwien.at