Legendäre rote Etiketten von Bruno Giacosa

Ein Artikel von Alexander Magrutsch | 29.09.2015 - 13:42
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© Giacosa

Es gibt Weine, die man einfach einmal getrunken haben muss, um eine Sorte oder ein Gebiet verstehen zu lernen. Die Barbaresco und Barolo von Bruno Giacosa zählen dazu. Das größte Verständnis erlangt man, wenn man das Glück hat, gereifte Weine von mehreren Jahrzehnten probieren zu können wie in diesem Fall die Riserva-Weine mit dem karminroten Etikett. Dann weiß man, ob die Legende vom großen und lagerfähigen Wein nur eine Legende ist oder einen wahren Kern besitzt. In diesem Fall handelte es sich jedenfalls um eine legendäre und einmalige Verkostung, die Piemont-Spezialist Peter Roggenhofer in der Enoteca Barolista in Wien zusammengestellt hat und die man in dieser Qualitätsdichte und vor allem mit diesen Weinen kaum wieder organisieren wird können. Und die Weine von Bruno Giacosa waren schlichtweg furios!

Es war eine beeindruckende Serie von raren und seltenen Weinen aus absoluten Top- Jahrgängen, allesamt Riserva-Weine von Barolo und Barbaresco mit dem berühmten karminroten Etikett. Viele dieser Flaschen sind historische Weindokumente: Es waren zum Teil Weine aus Lagen, die von Bruno Giacosa nicht mehr erzeugt werden, Weine aus den ersten Jahrgängen, die Bruno Giacosa vinifiziert hat, Weine aus großen Jahrgängen. Dieser Mix machte diese Verkostung zu einem unvergleichlichen und unvergesslichen Erlebnis für eine rund 20-köpfige Schar von Weinliebhabern, die diesen Abend miterleben durften.

Rückblick und Erkenntnis

Ich kann mich noch recht lebhaft erinnern, als ich meinen ersten Giacosa-Wein getrunken habe. Es war die 1985er Barbaresco Riserva Santo Stefano und es muss rund 25 Jahre her sein. Ich habe gerade begonnen, mich für Wein zu begeistern und wusste um die Mystik der Nebbiolo-Weine von Giacosa schon einiges. Die erste Begegnung mit besagtem 1985er fiel mehr oder weniger ernüchternd aus, denn bis dahin hatte ich noch nie einen so tanninreichen Roten mit gleichzeitig so lebhafter Säure getrunken. Noch dazu war die Flasche erst kurz zuvor geöffnet worden – ein fataler Fehler bei diesem Wein. Ich war also relativ sprach- und ratlos und musste diese Eindrücke erst einmal verarbeiten. Wie man jetzt lesen kann, hat sich dieses Erlebnis tief in meinen Kopf eingebrannt. Ich erinnere mich an ein Interview von Bruno Giacosa in der Fernsehserie „Die Weinmacher Europas“, die Christian Rischert Ende der 1980er Jahre für das Bayerische Fernsehen drehte. Darin sagte Bruno Giacosa sinngemäß, dass man seinen jungen Barbaresco oder Barolo viel Zeit gönnen sollte und sie unbedingt dekantieren müsse. Und erst nach ein paar Tagen würden sie ihre ganze Bandbreite an Aromen und Feinheiten preisgeben. Wie wahr! Die Wiederbegegnung mit der 1985er Riserva Santo Stefano war jedenfalls ein emotionales Highlight der Verkostung. Den Ratschlag mit dem Dekantieren und Belüften hat der Wiener Weinhändler „Barolista“ Peter Roggenhofer jedenfalls perfekt umgesetzt, allein schon um das reichlich angefallene Depot der gereiften Weine zu entfernen.

Bruno Giacosa – eine Instanz

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© Kurz

Bruno Giacosa ist eine der herausragenden Persönlichkeiten im piemontesischen Weinbau, ja sogar in ganz Italien, und gilt einigen Weinmachern der jungen Generation im Piemont sogar als Vorbild. Der 1929 geborene Winzer begann als junger Mann im Betrieb seines Vaters mitzuwirken, der Sensal für Trauben und Wein war, selbst Wein vinifizierte und diesen fassweise vermarktete. Wie Bruno Giacosa in einem schriftlichen Interview für wein.pur meint, hat er mit etwa 13 Jahren begonnen, das Gebiet kennenzulernen, um zu verstehen, wo die besten Lagen seien. Und auf die Frage, warum er mit der Flaschenfüllung begonnen hat, schreibt er, dass ihn die Passion angetrieben hat, die selbst vinifizierten Weine auch abzufüllen.

Der erste Jahrgang in Flaschen war 1967 und zur Marktsituation von damals merkt Bruno Giacosa an, dass es „sicherlich nicht leicht war, die Weine zu etablieren. Aber sie haben schließlich großen Gefallen gefunden“. Seither führt er unter dem Etikett „Bruno Giacosa“ eine breite Palette an Weinen aus zugekauften Trauben langjähriger Vertragsbauern. Darunter sind bzw. waren auch der famose Barbaresco Santo Stefano und die bis 1993 erzeugten und legendären Barolo aus den Lagen Collina Rionda (Vigna Rionda) und Bussia.

Mit dem Jahrgang 1982 wurden erstmals Weine aus eigenen Weingärten in der Lage Falletto di Serralunga im Barolo-Gebiet abgefüllt. Das Spektrum hat sich seit dem Jahrgang 1996 um die Barbaresco aus den Top-Lagen Asili und Rabajà erweitert. Seit dieser Zeit gibt es auch zwei unterschiedliche Weingüter: „Falletto“ mit eigenen Trauben, „Giacosa“ aus Traubenzukauf. Bruno Giacosa gilt auch als Wegbereiter für den weißen Arneis, den er gemeinsam mit Vietti als letzte Abfüller gepflogen hat. Seit den 2000er Jahren erlebt der Arneis vor allem aus dem Roero-Gebiet eine kleine Renaissance. Und was trinkt Bruno Giacosa gerne abseits von Barbaresco und Barolo? Die Antwort überrascht ein wenig: „Dolcetto!“

Kontinuität

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© Giacosa

Bruno Giacosa gilt als introvertiert, er lässt lieber seine Weine sprechen und er scheut ein wenig die Öffentlichkeit – ein bescheidener Mann. Er kennt die Lagen in Barbaresco und Barolo wie kein anderer. Bis in die 1990er Jahre hatte er gemeinsam mit Angelo Gaja und den Produttori del Barbaresco das Barbaresco-Dreigestirn gebildet, wobei er – genauso wie die Produttori – von Anbeginn den klassischen Stil mit Ausbau im großen Holzfass verfolgte sowie die Gärung und anschließende Maischestandzeit mit rund drei bis vier Wochen nicht exzessiv betrieb; in seiner Anfangszeit hatte er allerdings auch längere Maischestandzeiten von bis zu zwei Monaten gepflegt. „Wir haben niemals den Stil unserer Barolo und Barbaresco geändert. Für uns ist immer die Eleganz im Wein sehr wichtig. Natürlich sind die Weine durch die Änderung des Klimas zugänglicher als früher, dennoch sind sie genauso gut lagerfähig“, meint der Altmeister. Und „Wir produzieren Weine, die ihre Identität vom Weingarten bis zur Flaschenfüllung beibehalten. Die Kunst besteht darin, den Wein traditionell und an die modernen Technologien angepasst herzustellen“. Die Lagerung der Weine findet in großen Fässern statt, die in den vergangenen Jahren zum Teil erneuert und aus französischer Eiche vom österreichischen Fassbinder Stockinger gefertigt worden sind.

Seit 1990 arbeitet Bruno Giacosa mit einer kurzen Unterbrechung (2008 – 2010) mit dem önologischen Berater Dante Scaglione zusammen, der die qualitative Kontinuität im Hause Giacosa garantiert. Giacosa und Scaglione sind immer auf die Qualität des Jahrgangs bedacht, und wenn diese nicht zu 100 % den Vorstellungen entspricht, dann werden die Weine nicht selbst gefüllt, sondern an große Abfüller vom Fass weiter verkauft. So etwa gab es von den jüngeren Jahrgängen keine Riserva-Weine von 2006 und 2010. Auf die Frage, ob er im Weingarten oder Keller schon einmal Fehler gemacht habe, meint er: „Ich bin sehr anspruchsvoll und fordernd, nicht nur mir gegenüber, sondern auch gegenüber den anderen. Wir können alle Fehler machen. Aber wenn es einen guten Jahrgang gegeben hat, habe ich immer großartige Weine produziert.“

Den Barbaresco Santo Stefano, der aus Trauben vom Weingut Castello di Neive stammt, wird es in Zukunft nicht mehr geben, weil Italo Stupino – Besitzer vom Castello di Neive und Weingarten Santo Stefano, dessen Trauben er zur Hälfte an Bruno Giacosa verkauft hat – nach einer Kritik von Bruno Giacosa betreffend das Traubenmaterial die Zusammenarbeit zwischen den beiden alteingesessenen Weinmachern aufgekündigt hat. Aus dem Hause Giacosa heißt es dazu, dass man die Strategie geändert hat und die Top-Weine (Riserva mit dem roten Etikett) in Hinkunft nur noch von eigenen Weingärten produzieren will.

Von mir nach den Kriterien für einen großen Barolo und Barbaresco gefragt, meint Bruno Giacosa: „Zuallererst benötigt man eine herausragend gute Lage und dazu noch eine große Passion.“ Die Frage, welche seiner Ansicht nach die besten Lagen im Gebiet seien, die auch vor über 40 Jahren schon als die besten gegolten hätten, beantwortet er mit: „Für Barbaresco sind dies Asili, Rabajà und Santo Stefano, beim Barolo zähle ich Falletto von meinem eigenen Besitz in Serralunga dazu, weiters Pianpolvere und den Collina Rionda.” Und er fügt hinzu, dass es „vor 50 Jahren viel leichter war, gute Weinberge zu kaufen und die Preise auch erschwinglich waren. Heute Weingärten in den besten Lagen zu kaufen, ist so gut wie unmöglich. Die Preise sind natürlich sehr, sehr hoch, aber die besten Weingärten sind es auch wert”. Ob er noch Interesse hat, weitere Weingärten zu erwerben, will ich wissen. „Ich habe schon in der Vergangenheit die Lagen gekauft, die mich interessieren.”

Zwei Dinge möchte ich noch wissen: Es gibt einige junge Weinmacher im Gebiet, die den Weinstil und die Weine von Bruno Giacosa als ihr Vorbild betrachten. Die junge Isabella Oddero zählt etwa dazu. Welchen Rat kann Bruno Giacosa der jungen Generation mitgeben? „Den Wein zu lieben und den Weingarten und die Erde zu respektieren.“ Und was will er uns Journalisten und Weinliebhabern mit auf den Weg geben, frage ich zum Abschluss. „Nicht aufzuhören, Barolo und Barbaresco zu trinken.“

Auszeichnung

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© Giacosa

Im Jänner 2006 hat Bruno Giacosa seinen Rückzug aus dem operativen Geschäft begonnen, kommerziell und administrativ wird das Weingut seither von seiner Tochter Bruna geleitet. Für die Weinqualität ist weiterhin Bruno Giacosa zuständig. 2012 wurde Bruno Giacosa für seine Verdienste von der Universität der Gastronomischen Wissenschaften in Bra der Ehrendoktortitel verliehen. In seiner Dankesrede meinte er, dass er unglücklicherweise von den vielen verschiedenen Jahrgängen keine Flaschen zurückgelegt hat und bezeichnet das als Fehler. Denn jetzt kann er nicht die Weinhistorie seiner Kellerei demonstrieren oder Vertikal-Verkostungen mit alten Jahrgängen organisieren. In diesem Sinn war die Verkostung in der Enoteca Barolista eine noch größere organisatorische Meisterleistung und kann nicht hoch genug geschätzt werden.

Resümee

Fast alle Weine zeigten hohes und höchstes Niveau, gleich mehrere Weine verdienen das Prädikat „Absolute Weltklasse“! Dieses extrem hohe Niveau ist schön konstant über die Jahrzehnte, wobei die Verkostung auf mehrere große, klassische und historische Jahrgänge aufgebaut war. Die Barbaresco wirken im Vergleich zu den Barolo knackiger und jugendlicher und besitzen einen Tick mehr Eleganz und Spannung.

Die Barolo sind mächtiger, sie bieten mehr Kraft und Opulenz. Die Lage Rionda bestätigt die Wertschätzung vieler Winzer für diesen Cru. Der Erwerb von Falletto hat sich als goldrichtig erwiesen. Auf die Frage, welchen Jahrgang er am meisten von den verkosteten schätzen würde, meinte Bruno Giacosa knapp: „Es sind alles großartige Jahrgänge.“

Die Riserva-Lagen von Bruno Giacosa

Bruno Giacosa hat stets Trauben aus einigen der besten Lagen in Barbaresco und Barolo verarbeitet.

Barbaresco
Asili in Barbaresco
Kalkreicher Sandstein durchzogen mit Sandvenen, Ausrichtung: Süd / Südwest, Höhe: 210 – 290 m.
Rabajà in Barbaresco
Kalkreicher Sandstein mit Sandvenen, Ausrichtung: Südwest, Höhe: 260 – 315 m.
Santo Stefano in Neive
Kalkreicher Mergel, Ausrichtung Süd / Südwest, nach der aktuellen Lagenabgrenzung eine Parzelle in der Einzellage Albesani, Höhe: 160 – 270 m.

Barolo
Falletto in Serralunga
Kalkreicher Lehm, Ausrichtung Ost bis Südwest mit dem Herzstück zentral nach Süden gerichtet, Höhe: 330 – 425 m, erstmals vom Jahrgang 1982 gefüllt.
Vigna Rionda oder auch Vignarionda in Serralunga
Sandstein mit Lehm, Ausrichtung Südwest, das Herzstück liegt Süd / Südwest, Höhe: 250 – 360 m, produziert bis zum Jahrgang 1993.
Bussia in Monforte
Kalkreicher Sandstein, große Lage von Ost bis West gedreht, das Herzstück zeigt Richtung Südwesten, Höhe: 220 – 460 m, letzter Jahrgang 1993.

wein.pur.Info

Am 6. Dezember 2014 kamen bei Sotheby‘s 3 Flaschen Barolo Riserva Speciale Collina Rionda di Serralunga d‘Alba 1978 und ein Barbaresco Riserva Speciale Santo Stefano di Neive 1978 aus der Sammlung Dr. Ed Planz um einen Gesamtpreis von $ 6.125 unter den Hammer. Das entsprach zum damaligen Kurs € 1.246,– pro Flasche.