Biergarten versus Tap Takeover

Ein Artikel von Candy Sierks | 15.04.2016 - 22:35
14583051402110.jpg

© Shutterstock PixDeluxe

Was haben die bayerischen traditionellen Biergärten mit einem Trend aus der Craft Beer Szene, dem sogenannten Tap Takeover, gemeinsam? Und warum sollte man überhaupt versuchen, hier eine Brücke zu schlagen? Die Frage ist eher – warum nicht? Es geht hier nämlich um das Eine, das Wahre – es geht um Bier! Und nicht irgendein Bier, das schnell heruntergekippt wird. Es geht um das Bier als Kulturgut, Bier als Teil eines genussvollen Alltags und Bier als Mittel, um die Menschen zusammenzubringen. Aber fangen wir doch einmal von vorne an …

Biergärten: Ein Brauch mit Geschichte

145830527779.jpg

© Shutterstock MaxyM

Wer sich mit Bier und dessen Bräuchen und Geschichten beschäftigt, hat sie schon oft gehört, die Geschichte, wie Biergärten entstanden sind, was während der Biergartenrevolution passiert ist und was Biergärten heute zu dem machen, was sie sind. Hier aber noch mal ein kurzer Rundumschlag in Sachen Biergarten-Geschichte, frei nach dem Motto: „Eine gute Geschichte stirbt nie!“

Die Geschichte der Biergärten geht auf über 200 Jahre zurück. Damals brauchte man nur in Gasthäusern und Schänken ein Krugrecht, um sein Bier ausschenken zu dürfen, nicht aber, wenn man es unter freiem Himmel unters Volk bringen wollte. Die Münchner Brauer legten ihr Bier einfach in die Keller unter der Isar, um sie in den Sommermonaten kühl zu halten. Hieraus entstanden die ersten Biergärten. So entstand auch die Tradition, sein Essen selbst mitzubringen. Den Vorteil, ohne Krugrecht auszuschenken, machte man mit einem Verbot, Speisen anzubieten, wieder wett. Das blieb den Gasthäusern vorbehalten. Auch heute ist das Recht auf eigene Speisen in Biergärten im bayerischen Recht verankert – heutzutage ist es aber nur ein netter Nebeneffekt und kein Ausgleich von irgendwelchen Rechten.

1999 kam es dann zur Biergartenrevolution. Den einen war es zu laut, die anderen wollten sich nicht sagen lassen, wann sie heimgehen sollen. Am Ende einigte man sich, nach vielem Hin und Her, auf eine Sperrstunde um 23 Uhr. Die Biergärten waren eine Erfindung der Brauereien. Hier war es den Brauern möglich, dem Volk ihr Bier zu präsentieren und es gab dann auch nur dieses und nichts anderes.

Tap Takeover: Neuer Trend mit Zukunftschance

Frei übersetzt bedeutet Tap Takeover „Übernahme der Schankanlage“. Und genau das ist es auch. Eine Brauerei belegt für einen Tag oder mehrere Abende die Zapfhähne eines Pubs, einer Bar oder wo auch immer das Bier fließt, und schenkt dort ihr Bier aus. Geboren ist diese Art von Event aus der Craft Beer Szene. So haben kleine Brauereien die Chance, ihre Biere vorzustellen und direkt mit den Menschen in Kontakt zu treten. Für eine Nacht gehört ihnen und ihrem Bier der Pub exklusiv. Was in den amerikanischen Pubs schon gang und gäbe ist, findet nun auch in Deutschland erste Anhänger. Im Galopper des Jahres in Hamburg finden regelmäßig Tap Takeovers mit deutschen Craft Brauern statt und auch das Münchner Tap House räumt seine Zapfhähne frei, um Brauern die Möglichkeit zu geben, sich und ihre Biere zu präsentieren. Die Vorteile liegen auf der Hand und so werden auch in Zukunft die Zapfhähne von Brauern aus der Craft Beer Szene übernommen.

Bier, das Menschen verbindet

Doch was aber haben nun Biergärten mit Tap Takeover zu tun? Es geht ums Bier und um die Menschen. Der Biergarten ist ein Ort der freundlichen Begegnung. Die Menschen sind entspannt, wollen gemütlich ein frisch gezapftes Bier genießen und dazu ihre Brotzeit auf den Biertischen ausbreiten. Sich bei fremden Menschen an einen Tisch dazuzusetzen und in ein Gespräch verwickelt zu werden gehört genauso dazu, wie zu zünftiger Musik mit den Masskrügen anzustoßen.

Beim Tap Takeover geht es zum einen natürlich darum, kreative und außergewöhnliche Biere zu präsentieren. Aber auch hier geht es um das Zusammentreffen von Menschen auf Augenhöhe. Der Brauer stellt persönlich seine Biere vor – so wie es die Brauer vor 200 Jahren in den Biergärten gemacht haben. Bier bringt die Menschen zusammen, ob im traditionellen Biergarten oder im hippen Craft Beer Pub.

Kolumne von Dennis Spahn - „Ich nehm‘ noch mal ‘nen Schluck“ Dennis unterwegs

14583051814881.jpg

© Dennis Spahn

Im Auftrag der Wissenschaft habe ich mich in diesem Jahr in vielen verschiedenen Ländern durch die lokale Bierkultur getrunken. Ich weiß, es ist ein harter Job, aber jemand muss ihn ja machen! In Deutschland ist Bier als Genussmittel noch nicht überall angekommen. Mit Glück findet man auf einer Getränkekarte neben Pils und Weizen noch ein Kölsch, ein Alt oder ein Dunkles. Vielleicht sogar zwei verschiedene Marken pro Sorte, aber die zumeist angebotenen 0,3l oder 0,5l machen nicht wirklich Lust darauf, mal etwas Neues auszuprobieren. Wer möchte schon wagemutig ein ihm unbekanntes Bier bestellen und dann feststellen, dass man noch knapp einen halben Liter vor sich stehen hat, den man gar nicht mag?!

In Berlin stand ich in einer Location sogar wie der Ochs vorm Berge, als mir die Getränkekarte kein einziges lokales Bier anbot und ich dann auch noch ein Bier von Brauerei X aus dem Glas von Brauerei Y an den Tisch gebracht bekam. Mein Biergenuss war dahin. In Belgien hingegen ist es quasi Standard, dass man zu jedem Bier auch das passende Glas bekommt. Denn hinter jedem Bier steckt im Idealfall eine Idee, eine Vision des Braumeisters! Und dementsprechend sollte auch das Glasdesign darauf abgestimmt sein, um die besonderen Merkmale des Bieres optimal zu präsentieren und herauszuarbeiten.

In den USA wird man von der schieren Masse an verschiedenen Bieren fast erschlagen. Der absolute Renner sind daher die sogenannten Taster. Ein Brett mit 3-18 kleinen Gläsern drauf, in denen unterschiedliche Marken, Stile und Variationen probiert und kennengelernt werden können. Biere, die ich so einzeln wahrscheinlich niemals bestellt hätte, weil ich sie einfach noch nicht kannte. Und da man sich so ein Bierbrett auch wunderbar teilen kann, lädt es zur Kommunikation und Diskussion ein und es wird miteinander über Bier geredet. Das Bier wird von einer Randnotiz zum Mittelpunkt! Aber auch in Deutschland wird das Thema Biergenuss seit zwei bis drei Jahren massiv aufgegriffen und verbessert. Und deutsche Bierstile wie Kölsch, Gose, Berliner Weiße, Oktoberfestbier und Co. sind nicht ohne Grund im Rest der Welt aktuell so populär wie nie zuvor. Wir sind auf dem richtigen Weg! Ich sage: "Weiter so", und nehm‘ noch mal ‘nen Schluck!