Römer, Riesling und spannendes Terroir

Ein Artikel von Uwe Kauss | 14.12.2016 - 22:16
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Schloss Wallhausen ist seit dem 18. Jahrhundert die Heimat der uralten Familie zu Salm-Salm. Hier hat auch ihr 800 Jahre altes Weingut mit dem heutigen Namen"Prinz Salm" seinen Sitz. © Prinz Salm

Vor 1971 wurde an der Nahe Rheinwein produziert. Das war so üblich, denn der Rhein ist schließlich nicht weit entfernt. Der Wein floss oft als Verschnitt in Fässer mit rheinhessischem, Rheingauer und Mosel-Wein. Die Weintradition der Region zwischen Bad Kreuznach und Bingen ist allerdings über 1.000 Jahre alt. Archäologische Funde an der Mündung des damals lateinisch als „Nova“ bezeichneten Flusses bei Bingen – das heute zu Rheinhessen gehört – belegen, dass dort die Römer den Weinbau der Kelten weiterentwickelten. Rebmesser, Weinbergshacken, aber auch Weinkrüge und die Frühform von Mostfiltern belegen die Weinkultur der Region.

Die Kelten waren vermutlich die Ersten, die Rebstöcke in den Tälern der Nahe angepflanzt haben. Nach den Römern brachten die Klöster ab dem frühen Mittelalter den Weinbau an der Nahe voran. Die dazu älteste Urkunde der damals mächtigen Abtei Lorsch aus dem Jahr 766 n. Chr. nennt das Dorf Norheim, in dem noch heute guter Wein produziert wird. Bis heute wird an der Nahe auch das Maß Stütze für zehn Liter Wein verwendet, das aus der Zeit Kaiser Karls des Großen stammt. In seiner Amtszeit wurde erstmals den Winzern das Recht erteilt, eine Straußwirtschaft zu betreiben. Vermutlich aus der Zeit um 1500 stammen auch Deutschlands älteste Rebstöcke. Sie stehen an der Nahe – in einem steilen Weinberg des früheren Klosters Disibodenberg bei Odernheim. Vor einigen Jahren wurden sie durch Zufall von den Eignern des Weingutes von Racknitz entdeckt. Ampelographen untersuchten den Fund. Ihr Ergebnis: Die Rebstöcke der vergessenen Sorte Weißer Orleans sind mindestens 500 Jahre alt.

Prinz Salm: seit 32 Generationen dem Weinbau verpflichtet

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Prinz Felix zu Salm (v.r.) kontrolliert die geernteten Trauben. © Prinz Salm

Als sie gepflanzt wurden, bauten die Vorfahren der Familie zu Salm-Salm bereits seit Generationen Wein an der Nahe an. Prinz Felix zu Salm-Salm verkörpert die 32. Generation Weinbau seiner Familie, der bereits im Jahr 1200 urkundlich belegt ist. „Ich bin aber nach 800 Jahren ununterbrochener Tradition der Erste, der Weinbau studiert hat“, erzählt der Geisenheim-Absolvent und lacht. Das Weingut ist das älteste Familienweingut Deutschlands und eines der ältesten weltweit. Sein Betrieb im Familienschloss liegt im 1.500 Einwohner kleinen Wallhausen zwischen steilen Weinbergen. Es trägt den vollen Namen Prinz zu Salm-Dalberg‘sches Weingut.

Die Familie von Dalberg war über Jahrhunderte sehr einflussreich in Kultur und Politik. Im 19. Jahrhundert gehörten ihr 30.000 ha Land in Mitteleuropa sowie im heutigen Tschechien. Ihr Schloss lag zwei Kilometer von Wallhausen entfernt im Ort ihres Namens: Dalberg. Nun erinnert nur noch der Gutsname an diese Zeit. „Meine Urgroßmutter Maria Anna von und zu Dalberg war die Letzte ihrer Familie“, erzählt Prinz Felix. Er ist für die Weinproduktion verantwortlich, während sein älterer Bruder Constantin sich um strategische Fragen sowie um die Finanzen kümmert.

Das VDP-Weingut verfügt über inzwischen 17 Hektar Weingärten an der Nahe sowie im benachbarten Rheinhessen bei Bingen. „Wir hatten früher über 30 ha mit Pachtverträgen, das war zu viel. Wir haben den Lagenbestand deutlich heruntergefahren“, sagt Prinz Felix. Inzwischen sind zwei Drittel seiner Weinberge vom VDP als Große Lage klassifiziert. Darunter finden sich auch die kühle Lage Felseneck sowie die Rotschiefer-Lage Wallhäuser Johannisberg. Beide bestanden laut Urkunden bereits 1218 und 1224. „Das ist nun die richtige Größe, ich will ja noch selbst auf dem Trecker sitzen können und nicht nur managen“, betont er. Nun könne er individuell arbeiten und sich Zeit nehmen für Dinge, „für die bislang nicht genügend getan wurde“. Schon in den 1980er Jahren hatte sein Vater Prinz Michael, von 1990 bis 2007 Präsident des VDP, die Weinberge auf biologischen Anbau umgestellt. Auch die 9 ha Flächen in Rheinhessen, die Prinz Felix zunächst allein mit seinem Weingut Rheingraf bewirtschaftete, sind nun bio-zertifiziert. Beide Betriebe sind seit 2012 unter dem Namen Prinz Salm fusioniert, seit Juli 2015 ist Prinz Felix der Alleininhaber. Sein Anspruch: Die Qualität steigern.

Jeder Weinberg mit einem anderen Terroir

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In der Wallhausener Traditionslage Felseneck produziert der VDP-Betrieb Prinz Salm ein Großes Gewächs. © Prinz Salm

Spricht man mit ihm über die Terroirs seiner Weingärten, entwickelt sich daraus ein langes, intensives Gespräch. Denn an der Nahe ist das kein einfaches Thema: Allein in den Wallhäuser Weinbergen finden sich Ton, Kies, Sand, Löss, Quarzit und Rotliegendes (Roter Schiefer). Deswegen produziert er dort auch keinen Ortswein – sonst bei den VDP-Betrieben ein hochwertiger Standard im günstigen Preissegment. „Was für einen Wein soll ich denn da machen? Jeder Weinberg hat ein Terroir, das völlig anders ist als nebenan. Die Cuvée der Lagen würde den Wein beliebig machen“, beschreibt er die ungewöhnliche Bodenvielfalt, die für die Nahe so typisch ist. Seine Großen Gewächse produziert er in Lagen mit Rotschiefer und dem in Deutschland sehr seltenen Grünschiefer. Die Aromen der Weine unterscheiden sich drastisch, obwohl sie oft in direkter Nachbarschaft wachsen. Durch die Flurbereinigungen in den 1980er Jahren sind seine Rebstöcke nur etwa 30 Jahre alt – denn selbst in den besten Flächen wuchs lange kein Wein. „Wir haben sie wieder kultiviert und bepflanzt, haben Terrassen und Fahrwege angelegt“, berichtet er. Nur im Wallhäuser Johannisberg befinden sich noch Rebstöcke aus dem Jahr 1953. Aus Edelreisern hat er daraus neue Rebstöcke selektionieren lassen, die er in neuangelegte Parzellen setzt.

Mittlerweile ist der Riesling-Anteil in seinen Weingärten von früher 60 auf 73 Prozent gestiegen, dafür hat er die Sorten Silvaner und Kerner aushauen lassen. Weiß-, Grau- und Spätburgunder runden sein Portfolio ab. Er vergärt zu etwa 50 Prozent spontan, lässt den Most der Großen Gewächse bis zu zwölf Stunden auf der Maische stehen und lagert den jungen Wein im Stahltank oder im Stückfass lange auf der Hefe. Mit diesen reduzierten Techniken will er wieder an die großen Weine zu Beginn des 20. Jahrhunderts anknüpfen: Eleganz, Mineralität, Reife und Lagerpotenzial spielen für ihn die entscheidende Rolle. Auch im rheinhessischen Bingen bewegt er sich zurück in die Zukunft: Prinz Felix ist der größte Eigentümer in der einst weltberühmten Lage Scharlachberg, die vor hundert Jahren zu den größten in Deutschland zählte. Heute ist sie fast vergessen. Doch gemeinsam mit einigen ebenso anspruchsvoll arbeitenden Winzern wie Bischel, Riffel und Kruger-Rumpf will er sie wieder an die Spitze zurückführen. Die 800-jährige Geschichte und seine Arbeit haben für ihn eine enge Verbindung: „Was ich hier tue, wird erst die übernächste Generation bewerten. Die werden fragen: War es richtig, was der alte Prinz Felix damals angestellt hat? Diese Frage hilft mir, heute Entscheidungen zu treffen.“

Der Dorfschultheiß und eine Kaufurkunde von 1575

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Jakob Schneider aus Niederhausen führt die 440 Jahre alte Weintradition der Familie in die Moderne. © Kauss

Auch Jakob Schneider junior in Niederhausen arbeitet mit langer Familiengeschichte im Rücken. Der ambitionierte Weinmacher trägt heute die Verantwortung für eines der uralten Weingüter der Nahe, das seit 2007 seinen Namen trägt und das seines Vaters und Großvaters. Die Weinproduktion in der Familie ist bereits 1575 mit einer Kaufurkunde belegt: Der Dorfschultheiß Schneider erwarb damals eine Weingartenparzelle. Er hatte damals das höchste Amt im Dorf inne. Der Schultheiß war Bürgermeister, Steuereintreiber und Richter in einer Person. Über diese Zeit ist in seiner Familie heute wenig bekannt, denn damals war die Schriftkultur Klöstern und Adel vorbehalten. Sicher ist nur: Sie betrieb die übliche Mischwirtschaft, später kamen sie als freie Bauern zu ansehnlichem Wohlstand.

Das Haus in Niederhausen, in dem sich das Weingut befindet, sei schon 280 Jahre in Familienbesitz, erzählt Jakob Schneider und schlägt eine in Leder gebundene Bibel auf. Es ist eine jahrhundertealte Familienbibel mit vielen handschriftlichen Eintragungen. Demnach lebten seine Vorfahren vor allem von Viehwirtschaft, Ackerbau und Wein. Doch Grund und Boden blieben stets in Familienbesitz: Erst 1992 stellte sein Vater den Betrieb komplett auf Weinbau um. Zuvor besaß die Familie 60 Rinder, die im großen Anwesen auf der anderen Straßenseite ihre Ställe hatten. Ihre 45 ha Ackerfläche haben die Schneiders verpachtet. Um 1900 galt der Betrieb als renommiertes, weit bekanntes Weingut. Der Urgroßvater habe bereits 50.000 Flaschen jährlich in Eigenabfüllung vermarktet und gute Exportgeschäfte gemacht, erzählt Jakob Schneider. „Ab 1920 hatte der Weinbau an der Nahe einen Aufschwung, unser Gut wurde immer größer, es wurde auch in den ersten ausländischen Weinführern lobend erwähnt.“

In den 1960er Jahren verkauften sie große Mengen Wein in die USA, später kamen Skandinavien, Asien, China, Polen, die Niederlande und sogar Italien hinzu. „Ich bin hier mit dem Wein aufgewachsen, ich wollte nie etwas anderes machen. Die Frage hat sich einfach nicht gestellt“, erklärt er seine Berufswahl. Aus 10 ha Lagenbesitz im Jahr 1982 sind inzwischen 28 ha geworden. „Ich konnte hervorragende Parzellen von befreundeten Winzern übernehmen, als sie die Altersgrenze erreichten und niemand in der Familie weitermachen wollte. Ihnen war wichtig, dass die Fläche in gute Hände kommt.“ Schneider ist mit einem Anteil von 85 Prozent auf den Riesling fokussiert, 10 Prozent seiner Produktion sind Grau-, Weiß- und Spätburgunder, dazu kommen noch ein paar Spezialitäten. In guten Jahren produziert er auch Süßweine, die hervorragend altern.

Weinbergsarbeit in 52 Gesteinsformationen

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Die Familienbibel der Familie Schneider gibt auch über die Weingeschichte Auskunft. © Kauss

Sein Top-Weingarten ist die 3,2 ha große Parzelle in der berühmten Niederhäuser Hermannshöhle, in der auch Starwinzer Helmut Dönnhoff ein Großes Gewächs produziert. Die ältesten Reben darin sollen 77 Jahre alt sein. Wie Prinz Felix verfügt er in seinen Lagen über dutzende Terroirs und Bodenarten. „Ich arbeite mit 52 verschiedenen Gesteinsformationen, die meist vulkanischen Ursprungs sind, aber auch mit Schiefer und Fluss-Sedimenten“, beschreibt er die Bodenvielfalt. Die Moste vergärt Jakob Schneider meist spontan in Temperatur-kontrollierten Holzfässern. Das älteste im Keller fasst 3.000 Liter und stammt aus dem Jahr 1937. „Hier unten halten die Fässer fast ewig, das Holz trocknet nicht aus. Ich verwende sie bis heute.“

Wie in früheren Generationen ist das Weingut ein reines Familienunternehmen. Ob im Weinberg oder im Export, die Schneiders kümmern sich selbst darum. Seine über 80 Jahre alte Großmutter etwa betreut Export und Vertrieb. „Oma Liesel verkauft etwa 60.000 Flaschen pro Jahr“, sagt er mit Bewunderung in der Stimme. Nur weil die Familie zusammensteht, kann Jakob Schneider detailgenau agieren und so präzise, anspruchsvolle Weine voller Mineralität, Eleganz und Charakter ins Glas bringen. Und das zu sehr günstigen Preisen: „Wir haben nur geringe Fixkosten, weil die Arbeit in der Familie verteilt ist.“ Der Gault&Millau hat 2016 seinen Betrieb mit drei Trauben bewertet, auch bei den VDP-Winzern verfügt er über einen hervorragenden Ruf. Neben dem Lob von Kunden und Kollegen ist ihm aber eines besonders wichtig: „In unserer Familiengeschichte waren wir nie von einer Bank abhängig. Wir haben alles, was zum Erweitern nötig war, selbst erwirtschaftet. So sind wir nach und nach gewachsen, ganz langsam, aber unabhängig.“

Hochzeiten, Erbschaften und sehr viel Mineralität

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Moderne Etiketten mit Weintradition seit 1697: Gebrüder Kauer aus Windesheim. © Kauss

Aus uralter Tradition hat sich auch das Weingut Gebrüder Kauer nach vorne bewegt. Das Weingut in Windesheim ist seit 1697 ununterbrochen in Familienbesitz. Mit dem Einstieg von Markus Kauer im Jahr 1992 ist nun die 14. Generation in der Verantwortung. Seit 2000 steht ihm sein Cousin Christoph zur Seite, der als Weinmacher für die gesamte Produktion verantwortlich ist. Der heutige Betrieb mit 10,5 ha Weingärten entstand über die Jahrhunderte durch Erbschaften und Hochzeiten aus dem Besitz von drei Bauersfamilien. Der Gault&Millau hat den Betrieb 2016 ebenfalls mit drei Trauben ausgezeichnet. Die Mineralität steht bei den Weinen im Vordergrund, der Riesling kommt mit Kraft, Spannung und Dichte ins Glas. Wenn die Qualität der Trauben nicht gut genug ist, wird kein Wein daraus gemacht – so etwa beim Spätburgunder der Jahre 2013 und 2014.

Neben dem Riesling, der auch hier im Vordergrund steht, produzieren Markus und Christoph Kauer ebenfalls Weiß-, Grau- und Spätburgunder sowie etwas Rivaner (Müller Thurgau). „Wir arbeiten konsequent naturnah und umweltschonend mit hohen Qualitätskriterien im Weinberg, intensiver Laubarbeit, geringem Ertrag sowie später und selektiver Handlese“, erklärt Markus Kauer die Arbeitsweise. Die Weine würden erst nach langem Hefelager gefüllt. Sie tragen eine eigene Handschrift, sind kristallklar, vielschichtig und haben Potenzial. Bei diesen drei Weingütern haben die uralten Familiengeschichten ein Happy End gefunden. Aber am Ende sind sie deswegen noch lange nicht