Ein Achterl mit Gieß*, bitte sehr!

Ein Artikel von Siegrid Mayer | 14.07.2020 - 17:00
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Wir bedanken uns bei der Firma Horst Neger Getränke aus Mautern an der Donau für die Zurverfügungstellung der original Siphonflaschen.
© Christian Kurz

Der G‘spritzte hat wieder Saison, und wir haben uns seine noblere Variante angesehen: den Sortenspritzer. Zuerst aber ein kurzer historischer Blick auf die Entwicklung des Sodawassers.

Die Konservierung von Trinkwasser war Ende des 18. Jahrhunderts ein bedeutendes Thema. 1772 wird erstmals in Großbritannien eine Methode, Wasser künstlich mit Kohlensäure zu versetzen, erwähnt. Um 1837 herum wurde die moderne Siphonflasche von dem Franzosen Antoine Perpigna patentiert.

Nun beschäftigten sich auch Apotheker in Deutschland und Österreich vermehrt mit der Produktion von künstlichem Selterswasser. Ebenso befassten sich Indus­trielle damit: Adalbert und Siegbert Klein betrieben in Wien eine 1886 gegründete Sodawasser- und Limonadenfabrik; Heinrich von Mattoni aus Karlsbad erwarb 1878 die Quellen zu Gießhübel-Puchstein im Egertal und begründete damit den Weltruf des „Gießhüblers“. Noch lange konnte man in Gasthäusern hören, dass jemand einen „G‘spritzten“ als „A Achterl mit Gieß“ bestellte.

Mittlerweile wurden Siphonflaschen aus den Haushalten von maschinell abgefülltem Wasser in Glasflaschen, später in PET-Flaschen, verdrängt. Die originalen Siphonflaschen werden vom Abfüller gereinigt und neu befüllt. Sie sind nicht nur optisch schön anzusehen, es erfreuen auch die Handhabung und vor allem der konstant gute Geschmack. Vielleicht entwickelt sich in Zukunft im Sinne der Nachhaltigkeit auch wieder eine vermehrte Nutzung dieser Mehrweg-Gebinde.

Unentschieden im Weinglas

Für die Verkostung wurden Qualitätsweine verschiedener Rebsorten ausgewählt und in einem Weinglas der Serie „Österreich“ im Verhältnis 1:1 mit Sodawasser aus der Siphonflasche gemischt.
Es gibt natürlich auch andere Varianten: Beim Sommerspritzer wird mehr Wasser und beim Winterspritzer mehr Wein verwendet. Wir kennen auch mit Sirupen oder Likören aromatisierte Versionen wie den Kaiserspritzer, und von den österreichischen Winzern werden schöne alkoholfreie Alternativen wie Traubensäfte oder der immer bekannter werdende Verjus angeboten. Das sind aber dann keine originalen G’spritzten, denn diese sind per stillschweigender Übereinkunft mit Weißwein zu machen. Daher haben wir hier auch keine Rotwein-Spritzer verkostet, dafür einen mit Rosé.

Die erste Erfahrung, die wir machen konnten, war, dass es sich empfiehlt, zuerst das Soda und dann den Wein ins Glas zu füllen, da sich durch die spätere Zugabe aus der Soda-Siphon-Flasche der Effekt des „Auffizzens“ einstellt. Es entsteht eine sehr stabile und hohe Schaumkrone, was beim Mixen von Cocktails erwünscht ist, beim Spritzer aber nicht.

Warum Soda und nicht Mineralwasser? Sodawasser ist geeigneter, da neutraler. Mineralwasser enthält gelöste Mineralien in unterschiedlichen Konzentrationen, welche auch geschmackliche Unterschiede bringen. Manches Mineralwasser schmeckt salziger oder mehr nach Schwefel. Das alles und wie der Spritzwein in Wien sogar zu politischer Bedeutung kam, ist wunderbar nachzulesen im Buch unserer GENUSS.Kolleginnen D. Dejnega und L. Schrampf: „111 Weine aus Österreich, die man getrunken haben muss“.

Reinsortigkeit bringt’s!

Sortenspritzer also, das ist die Devise. Im Unterschied zum herkömmlichen G’spritzten wird dabei kein Schankwein – meistens eine Cuvée – verwendet. Wir haben uns die einzelnen Rebsorten in ihrer Harmonie mit Soda angesehen und konnten feststellen, dass die Zugabe von Soda dem Wein keinesfalls etwas von seiner Charakteristik nimmt oder ihn gar abwertet. Vielmehr werden die Besonderheiten und Typizitäten unterstrichen und hervorgehoben, und eines ist ganz gewiss: Je besser der Wein, desto besser auch der Spritzer!

GENUSS.Download Verkostungsergebnisse Spritzwein

* GENUSS.Info

Gieß = kurz für Gießhübler Wasser; Achterl mit Gieß: ein Achtelliter Wein mit Gießhübler Sodawasser verdünnt.