Im Interview: Christl Huber von der Mohrenbrauerei

Ein Artikel von Karin Vouk | 04.11.2020 - 17:00
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DI Christl Huber © Mohrenbrauerei

DI Christl Huber (geb. Vogel) darf man zurecht fast schon als lebende Legende bezeichnen: Sie hat die Tradition der starken Frauen bei der Mohrenbrauerei nicht nur fortgeführt, sondern diese Stärke auch an die nächsten Generationen weitergegeben. Gemeinsam mit ihrem Mann Mann DI Guntram Huber führte sie die Mohrenbrauerei in fünfter Generation erfolgreich durch die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Im Wintersemester 1945 begann Christl Huber mit ihrem Studium der Gärungstechnik, das heute am ehesten dem Studium der Lebensmittel- und Biotechnologie entspricht, welches auch Getränketechnologien wie das Bierbrauen umfasst. Die Universität für Bodenkultur Wien (BOKU) zählte 1919 zu den letzten Universitäten in Österreich, die Frauen als ordentliche Hörerinnen zugelassen haben. Noch 45 Jahre später lag der Frauenanteil unter acht Prozent. Auch wenn dieser Anteil heute bei den Studierenden bereits über 50 Prozent beträgt, bewegt er sich bei den Professorinnen noch immer bei nur rund 25 Prozent.

Frau Huber, Sie gehören zu den ersten Frauen, die vor 75 Jahren ein Studium an der BOKU begonnen haben. Wie war es, zu den Pionierinnen zu gehören, die Gärungstechnik studiert haben?
Unproblematisch, am Anfang wurden wir Frauen mit Erstaunen beobachtet. Oft wurden wir mit Fragen konfrontiert, wie: „Was macht eine Frau in diesem Beruf?“ Auch die männlichen Studienkollegen mussten anfangs überzeugt werden, dass eine Frau dieses Studium absolvieren kann und in diesem Beruf erfolgreich sein kann. Nach einem Platz für das Pflichtpraktikum musste ich zuerst lange suchen. Die Skepsis einer Frau gegenüber war doch sehr groß. Während des Praktikums in Linz gab es dann keine Probleme. Die Leitung der Brauerei war sehr offen, auch die Belegschaft hat mich sehr unterstützt und auch ein wenig verwöhnt. Es war ja noch Nachkriegszeit und das Essen war knapp, aber ich bekam immer wieder einen feinen Happen zugesteckt. Gemeinsam mit zwei männlichen Kollegen absolvierte ich das Praktikum und musste wie sie alle Tätigkeiten ausüben. Auch Tankreinigung – das war für die männlichen Kollegen schon eine Sensation: „Kann sie da wirklich hineinschlüpfen?“ Ich bekam eine eigene „Arbeitshose“ gestellt, die extra genäht werden musste. „Ah, Sie sind das Mädchen mit der Hose.“ Hosentragen war damals für Frauen noch ungewohnt.

Gab es noch andere Frauen, die zu Ihrer Zeit die Gärungstechnik studiert haben?
Noch zwei Kolleginnen haben mit mir studiert und das Studium abgeschlossen, diese haben im Anschluss in unterschiedlichen Brauereien gearbeitet. Mit einer der Kolleginnen bin ich über viele Jahre in Kontakt gestanden. Das letzte Mal haben wir uns vor gut 20 Jahren beim 50-Jahre-Jubiläum des Studienabschlusses auf der BOKU getroffen.

Sie wollten doch eigentlich Medizin studieren. Haben Sie es später bereut, Ihren Traum nicht verwirklicht zu haben?
Nein, eigentlich nicht. Ich habe aufgrund meines Gärungstechnikstudiums meinen Mann Guntram kennengelernt und war viele Jahre glücklich mit ihm. (Anmerkung der Redaktion: DI Guntram Huber verstarb im Mai 2017.)

Sie haben nach dem Studium im Betrieb Ihres Vaters gearbeitet. Wie sah Ihr Aufgabengebiet aus?
Kurz habe ich bei meinem Vater, der einen Großhandel für lebensmitteltechnisches Zubehör führt, im Büro gearbeitet. Danach war ich als Assistentin in der Forschungsabteilung der Versuchsstation für das Gärungsgewerbe tätig. Meine Aufgaben waren unter anderem das Durchführen von diversen Analysen und Bestimmungen das Brauwesen betreffend. Ich musste meinem Chef beweisen, dass ich meine Arbeit kann und mich oft, wie man so schön sagt, „auf die Hinterfüße stellen“. Das war zum Teil etwas unangenehm, da ich als Frau immer wieder besonders von ihm gefordert wurde. Von meinen Kollegen wurde ich aber gut akzeptiert und auch für mein Wissen geschätzt. Bei der Arbeit in der Versuchsstation habe ich auch meinen Mann kennengelernt, der damals seine Diplomarbeit in Gärungstechnik geschrieben hat.

Nachdem Sie in die Brauerfamilie Huber eingeheiratet haben – konnten Sie sich in der Brauerei weiter mit Ihrem Wissen und Ihren Fähigkeiten einbringen?
Leider nein. Hier war die männliche Dominanz zu stark. Auch ein Studienkollege von mir und guter Freund der Familie war im Betrieb Braumeister. Die persönlichen Voraussetzungen waren daher etwas kompliziert. Mit meinem Mann konnte ich aber privat viel über die Angelegenheiten der Brauerei diskutieren und ihm beratend zur Seite stehen.

In den letzten Monaten wird die aktuelle Situation gerne mit der wirtschaftlichen Lage zu Beginn der Zweiten Republik verglichen. Wie ist Ihr persönlicher Eindruck, wenn es um das Brauwesen in Österreich geht?
Nach dem Zweiten Weltkrieg lag alles danieder und man hat mit Elan, Mut und Ehrgeiz die Dinge und den Wiederaufbau in Angriff genommen. Es musste auch viel improvisiert werden, da oft noch die Arbeitsmittel fehlten. In den letzten Jahren hat sich jedoch sehr viel getan. Die Konzentration auf wenige Konzerne nimmt zu. Das Handwerk der Braukunst ist nicht mehr so im Fokus. Die Industrialisierung der Produktion steht im Vordergrund. Für mich ist die Situation daher nicht wirklich vergleichbar.

Die Mohrenbrauerei war eine der ersten Brauereien, bei der eine Frau die Brauerlehre absolviert hat. Wie war das für Sie?
Es hat mich sehr gefreut, dass die Brauerei so offen ist und auch einer jungen Frau die Chance gibt, diesen schönen Beruf zu erlernen. Das ist sehr positiv für mich. Ich würde mich freuen, wenn mehr junge Frauen den Mut hätten, einen technischen Beruf zu erlernen.

Welchen Rat geben Sie Frauen, die in Männerdomänen vordringen?
Sie sollen ihren Weg verfolgen, sich hinstellen, nicht irritieren lassen, sondern sich auf ihre Fähigkeiten und Ziele konzentrieren. Das Wissen, das sie haben, einbringen. Denn Männer waschen auch nur mit Wasser.

Sie haben in Ihrem Leben sicher nicht nur viele Biere gebraut, sondern auch getrunken. Welches ist Ihr persönliches Lieblingsbier?
Am liebsten hab ich den Mohren Pfiff. Ich mag seine feine hopfige Note.