Die bunte Welt der maischevergorenen Weißweine

Ein Artikel von Daniela Dejnega | 12.04.2020 - 11:34

Vor gut zehn Jahren sorgten sie plötzlich für Aufregung in der Weinwelt, die Orange Wines. Geradezu unerhört fand man das, da nun einen Weißwein mit kräftiger Farbe, leichter Trübung und dem Tanningehalt eines Rotweins im Glas zu haben. Ein Jahrzehnt später hat sich die Lage beruhigt. Orange Wines gehören bei nicht wenigen Weingütern ganz selbstverständlich zum Sortiment und ihre Vielfalt wächst ständig. Auch das Weinpublikum hat Orange Wines kennengelernt und sich mit ihnen angefreundet. Teilweise angefreundet. Oder auch gar nicht angefreundet. Ganz nach persönlichem Geschmack.

Orange Wine ≠ Natural Wine

Nach wie vor herrscht eine gewisse Verwirrung. Man nennt „Orange Wines“ und „Natural Wines“ in einem Atemzug oder verwendet diese Begriffe sogar als Synonym. Das sollte nicht passieren. Bei Orange Wine handelt es sich um einen mit den Beerenschalen vergorenen Weißwein, er wurde also wie ein Rotwein hergestellt. Orange Wines sind einfach maischevergorene Weißweine, nicht mehr und nicht weniger.
Natural Wines hingegen entstehen im Rahmen einer Betriebsphilosophie, die zumindest von biologischer oder auch biodynamischer Arbeitsweise im Weingarten sowie möglichst wenigen Manipulationen des Weins im Keller (keine Zusätze und „Low Intervention“) gekennzeichnet ist.
Hinter der Begriffsvermischung steckt wohl, dass es hierzulande innovative Naturweinwinzer und -winzerinnen waren, die sich mit den unkonventionellen Orange Wines anfangs verstärkt beschäftigten. Dass heute auch immer mehr Nicht-Bio-Weingüter mit Maischegärungen bei Weißwein experimentieren, bestätigt die Bandbreite der zur Verkostung eingesendeten Weine. Nur zwei Drittel von etwa 60 Proben entfielen auf Bioweine.

Bunt und individuell

Durch die Vergärung auf seiner Maische erhält der Wein eine intensivere Farbe, ein Tanningerüst und eine von „klassischen“ Weißweinen abweichende Aromatik, die in manchen Fällen gewöhnungsbedürftig sein mag, aber in erster Linie in neue Geschmackswelten eintauchen lässt und auch das Weinvokabular erweitert (siehe Verkostungsnotizen). Das Farbspektrum der Orange Wines reicht von Strohgelb bis Bernstein; sie erscheinen im Glas entweder trüb – schöner ist übrigens das im englischen Sprachraum gebräuchliche „cloudy“ – oder auch klar. Eine etwaige Trübung liegt an feinen Hefepartikeln, die im Wein schweben. Mit der Zeit setzen sich diese am Flaschenboden ab, weshalb man empfiehlt, die Flasche vor dem Öffnen sanft zu schütteln, damit sich die Hefeteilchen wieder verteilen. Sie halten den Wein einerseits frisch, verleihen ihm andererseits eine zusätzliche geschmackliche Dimension.

Grundsätzlich kann jede beliebige Rebsorte auf der Maische vergoren werden: Grüner Veltliner, Chardonnay, Grauburgunder, Sauvignon Blanc, Traminer et cetera. Und keineswegs ist es so, dass alle Orange Wines gleich schmecken, wie manchmal behauptet wird. Sortenunterschiede sind genauso gut erkennbar wie bei herkömmlichen Weißweinen, auch wenn das ungewohnte Geschmacksbild ein wenig Übung verlangt. Am schnellsten gibt meist der charakterstarke Traminer seine Identität preis.
Fred Loimer, der eine beeindruckende maischevergorene Weinserie hinlegte, bringt es auf den Punkt: „Aromatische Sorten eignen sich wirklich sehr gut für die Maischegärung. Gerade Gelber Muskateller und Roter Traminer sind fantastisch, werden sehr intensiv, aber nie kitschig. Auch Grüner Veltliner funktioniert bestens. Für den, der behauptet, dass Orange Wines keinen Sortencharakter zeigen, müssten auch alle Rotweine gleich schmecken – die werden schließlich auch auf der Maische vergoren.“

Ohne Kontaktbeschränkungen

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Manchmal kommen Amphoren zum Einsatz – je nach Größe freistehend oder im Boden vergraben. © Weingut Loimer

Eine ganz wesentliche Rolle spielt die Dauer des Maischekontakts, denn hier entscheidet sich, wie intensiv Aromastoffe und Tannine aus den Schalen ausgelaugt werden. Ursprünglich stammt die Orange-Wine-Bereitung aus Georgien, wo die Weine traditionell über viele Monate in großen Tonamphoren, den sogenannten „Kvevri“, ausgebaut werden. Amphoren unterschiedlicher Größen sind heute in Österreich und wohl in allen Weinbauländern zu finden. Viele Winzer verwenden für ihre Orange Wines aber Holzfässer, so auch Fred Loimer, der seine Weine etwa vier Wochen auf der Maische belässt. Der Langenloiser war schon früh von dem Gedanken fasziniert, den Weißweinen durch Schalenkontakt mehr Struktur zu verleihen: „Mit Maischegärung zu experimentieren habe ich 2003 angefangen – bei Grünem Veltliner von der Lage Spiegel. Solo abgefüllt habe ich das aber nicht, sondern verschnitten. Erst mit 2006 habe ich einen Gemischten Satz aus Gumpoldskirchen als meinen ersten Orange Wine in Flaschen gefüllt.“

Seither hat sich der Biodynamiker intensiv mit dem Thema beschäftigt und viel an Erfahrung gewonnen. Fünf verschiedene Orange Wines gibt es in Loimers Sortiment. Der köstliche Einstiegswein „gluegglich“ taugt unter anderem für preisempfindliche Neulinge. Ein Weltklasse-Wein und Gesamtsieger der Verkostung ist Loimers „Gemischter Satz mit Achtung“ 2015, dem ein paar Jahre Flaschenreife hervorragend stehen.
Bei den 53 Orange Wines in der Verkostung währte der Maischekontakt mindestens drei Tage, was die Mindestdauer laut Ausschreibung darstellte, und höchstens elf Monate am anderen Ende der Skala. Tatsächlich spielte ein Großteil der Weine zwischen zehn Tagen und vier Wochen auf den Schalen. Die Highlights waren zahlreich. Beim Thema Gemischter Satz überzeugte neben Fred Loimer auch das Wiener Weingut Christ mit „Kraut & Rüben“ und bei den aromatischen Sorten zeigten Gernot & Heike Heinrichs Muscat und Roter Traminer der Linie „Freyheit“ ihre große Klasse. Das Südtiroler Weingut Niklas überraschte zudem mit einem wunderbaren Kerner im gekonnt aromatisch oxidativen Stil.

Sprudelnde Freude mit Pet Nat

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Christina Hugl hat sich ganz auf Schaumwein spezialisiert. Köstliche
Pet Nats gehören selbst­verständlich dazu. © Robert Herbst, Point of View

Abseits der Orange Wines erfasste die österreichische Weinszene schon vor einigen Jahren der Trend zum Pet Nat (Pétillant Naturel). Diese Art von Schaumwein – oder auch Perlwein, je nach Flaschendruck – wird nach der Méthode Ances­trale hergestellt, die derzeit in vielen Ländern eine Renaissance erlebt. Dabei wird noch gärender Most in Flaschen gefüllt, in welchen er dann zu Ende gärt. Somit findet nur eine einzige Gärung statt – im Gegensatz zur Méthode Traditionelle, die eine zweite Gärung verlangt und zum Beispiel für hochwertigen Sekt und Champagner zum Einsatz kommt.

Ein Pet Nat ist ein handwerklich aufwendig hergestelltes Produkt, das für Erfrischung, Spaß und unbeschwerten Trinkgenuss steht. Pet Nats – ob in Weiß oder Rosé – sind in der Regel leicht im Alkohol und besitzen eine Hefetrübung, deren Intensität davon abhängt, ob die Hefe abgerüttelt und degorgiert wurde oder eben nicht. Auch eine geringe Schwefelgabe zur Stabilisierung gilt nur als optional. So ist die Vielfalt an Stilen groß und der Geschmack reicht von knochentrocken bis deutlich restsüß.
An das (langsame!) Öffnen einer (gut gekühlten!) Flasche Pet Nat sollte man immer mit Vorsicht herangehen – so lässt sich die Gefahr eines leichten Überschäumens bis hin zum explosionsartigen He­rausschießen souverän abwenden.

Alle Verkostungsergebnisse  & Details finden Sie im GENUSS.Magazin 01-02/2021.

GENUSS.Trophysieger & die Besten der Besten

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Fred Loimer, Biowinzer in Langenlois und Gründungsmitglied von respekt-BIODYN

MAISCHEVERGORENE WEISSWEINE
GENUSS.Trophy-Sieger: Weingut Fred Loimer, Langenlois, Niederösterreich
95 P. | 2015 Gemischter Satz mit Achtung | € 27,–
94 P.| 2016 Traminer mit Achtung (RT) | € 29,–
93 P. | 2016 Ruländer mit Achtung | € 27,–
92 P. | NV gluegglich mit Achtung | € 10,–

Weingut Gernot & Heike Heinrich, Gols, Burgenland
93 P. | 2019 Muscat Freyheit | € 28,–
93 P. | 2018 Roter Traminer Freyheit | € 28,–

Weingut Christ, Wien
93 P. | 2018 Kraut & Rüben Gemischter Satz | € 18,–

Weingut Thomas Hareter, Weiden am See, Burgenland
92 P. | 2019 Chardonnay ohne | € 15,–

Weingut Niklas, Kaltern, Südtirol (IT)
92 P. | 2017 Without – Kerner IGT Mitterberg | € 29,–

PET NAT
Christina Hugl Sekt & Pet-Nat, Langenlois, Niederösterreich
90 P. | 2018 Grüner Veltliner Bio Pet Nat | € 19,–

Bioweingut Moritz, Horitschon, Burgenland
90 P. | 2020 Explosiv (BF) | € 16,–

Die GENUSS.Kostjury

Verkostungsleiterin: DI Daniela Dejnega, Weinakademikerin
VerkosterInnen: Luzia Schrampf, Weinjournalistin und Lektorin an der Weinakademie, Pepe Perez-Ubeda, Weinakademiker, Gabriele Bichlbauer

Hier finden Sie alle Informationen zu unserem Verkostungs- und Bewertungssystem.