Alles Rosé oder was?!

Ein Artikel von Birgit Kowarik | 04.05.2021 - 13:47
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© IsabellaO/Shutterstock.com

Eigentlich haben Roséweine und weiß beziehungsweise gleich gepresste Weine mehr Weißweincharakter, obwohl sie laut EU-Verordnung nur aus Rotweintrauben gekeltert werden dürfen. Die Bezeichnung Rosé steht jedenfalls für einen Weinstil mit blasser, hellroter Färbung. Die Farbe ist von der Dauer des Kontakts mit den Beerenhäuten (Maischestandzeit) abhängig. Ein Verschnitt beziehungsweise eine Cuvée von verschiedenen Rotweinsorten ist zulässig. Die Rotweinsorten müssen dabei unter Qualitätswein oder Landwein eingestuft sein. Bei den weiß gepressten Weinen werden Rotweintrauben ohne Maischekontakt sofort gepresst. Per Definition der österreichischen Weinbezeichnungsverordnung dürfen die Begriffe „Gleichgepreßter aus …“ oder „weissgepresst (weiß gepresst) aus …“ mit Angabe der Rebsorte für Landwein oder Qualitätswein gekeltert aus Rotweinrebsorten mit geringer oder keiner Farbausbeutung verwendet werden.

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In Südtirol - hier Bozen - wird Roséwein besonders gerne getrunken und entsprechend gepflegt. © IDM Südtirol/Clemens Zahn

Herstellverfahren
Roséweine stehen den Weißweinen viel näher als den Rotweinen, da sie weniger Farbstoffe, Gerbstoffe und Aromastoffe aufweisen. Unterschiede, die hauptsächlich aus den verwendeten Rebsorten sowie aus den unterschiedlich langen Maischestandzeiten resultieren, sind in der Farbe und im Geschmack zu finden. Die drei bekanntesten Herstellmethoden sind die Saignée-Methode, die direkte Pressung mit Maischestandzeit und die direkte Pressung ohne Maischestandzeit. Bei der Saignée-Methode (französisch für Aderlass) werden Trauben für die Rotweinerzeugung angequetscht. Nach einer Standzeit von wenigen Stunden bis zu einem Tag wird ein kleiner Teil des Mostes abgezogen, zur Ader gelassen. Der gewonnene Saftabzug wird zu Roséwein weiterverarbeitet, die übrige Maische zu Rotwein. Dieser weist aufgrund des reduzierten Verhältnisses Saft zu Schalen eine intensivere Farbe und mehr Tannin auf. Bei der direkten Pressung mit Maischestandzeit werden die meist eigens für Rosé angebauten Trauben angequetscht und verbleiben anschließend bis zu drei Tage auf der Maische, bevor sie gepresst werden. Je länger dieser Kontakt andauert, umso dunkler ist die Farbausbeute, aber auch desto intensiver der Geschmack des Rosés. Die direkte Pressung ohne Maischestandzeit ist mit der Weißweinerzeugung identisch. Der Traubenmost kann zwar von den Farbstoffen der Beerenschalen etwas Farbe annehmen, es gibt jedoch keine Maischestandzeit. Daraus ergeben sich sehr helle Roséweine beziehungsweise weiß gepresste Weine.

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© Christian Kurz

Internationale Bedeutung
Für Roséweine gibt es viele landesspezifische Bezeichnungen, einige mit herkunftsgeschützten Namen und/oder Ausnahmeregelungen. Die Herstellverfahren sind unterschiedlich, jedoch werden die Weine zumeist mit einer relativ kurzen Maischestandzeit produziert. Autochthone Rebsorten werden länderspezifisch bevorzugt und entweder reinsortig ausgebaut oder mit internationalen Rotweinsorten verschnitten. Insbesondere in Frankreich haben Roséweine eine lange Tradition. In vielen Appellationen für Rotweine sind auch Roséweine eingeschlossen. Vor allem die Provence ist für ihre Roséweine weltweit bekannt. Der Tavel aus dem südlichen Rhônetal wird sogar als „König der Roséweine“ bezeichnet. Südtirol setzt auf die lokale Rebsorte Lagrein, sowohl reinsortig als auch in der Cuvée. Die Roséweine werden hier traditionell trocken ausgebaut. In Deutschland sind Portugieser, Spätburgunder (Pinot Noir), Schwarzriesling (Pinot Meunier) und Merlot beliebte Rotweintrauben für die Rosé-Erzeugung. Die Restzuckergehalte bewegen sich von trocken über halbtrocken bis hin zu lieblich ausgebauten Weinen. In Österreich werden die heimischen Sorten Zweigelt, St. Laurent, Blaufränkisch und Blauer Wildbacher (für Schilcher) für trocken und halbtrocken ausgebaute Rosés verwendet. Diese sind jedoch noch nicht ganz so bekannt wie die heimischen Rot- und Weißweine. Schade, denn die einzigartige Balance aus Frucht, Körper und Frische eröffnet neue Perspektiven, und damit ist Rosé nicht nur als Aperitifwein an einem lauen Sommerabend auf der Terrasse gemeint, sondern auch als universell einsetzbarer Speisenbegleiter für heimische Schmankerl wie Bratwurst, Schweinsbraten oder Wiener Schnitzel.
Es ist das reinste Vergnügen, dem Önologen und erfahrenen Kellermeister Christian Werth vom Weingut und der Klosterkellerei Muri Gries zuzuhören, wenn er über die Vorzüge der Südtiroler Paraderotweinsorte Lagrein spricht. Hocherfreut zeigte er sich nicht nur über den Trophysieg, sondern auch über den aktuellen Jahrgang 2020. Dieser präsentiert sich schlank, elegant und mit weniger Alkohol. Die Säure ist dabei präsent, aber sehr gut eingebunden. Lagrein liebt die Wärme, insbesondere im Herbst, wenn noch in der kleinklimatisch begünstigten Region von Bozen die letzten Sonnenstrahlen die Reben zur Vollreife bringen. Die sandigen, tiefgründigen Schwemmböden, welche vom Fluss Talfer geprägt sind, bieten optimale Voraussetzungen für eine hohe Traubenqualität. Diese spürt man auch in diesem Rosé, wobei ein Teil klassisch für einen halben Tag auf der Maische vergoren wird und der andere Teil gleich abgepresst wird. Interessant ist auch der Begriff „Kretzer“, der in Südtirol eine traditionelle Bezeichnung für einen hellen Rosé ist. Der frisch gepresste Most wird dabei durch einen als Kretze bezeichneten, geflochtenen Seihkorb abgeseiht und damit von der Maische getrennt. Hervorragend lässt sich der Lagrein Kretzer als Speisenbegleiter zu Pasta mit Tomatensauce oder zu Forelle blau kombinieren.


KURZANALYSE

… zur Verkostung
Pünktlich zur Abfüllung des aktuellen Jahrgangs 2020 wurden Rosés und weiß gepresste (gleich gepresste) Weine aus Österreich, Südtirol und Deutschland angefragt. Erlaubt waren trockene und halbtrockene Ausbaustufen. Höhere Restzuckergehalte wurden nach Harmonie von Säure und Frucht bewertet. Farbliche Unterschiede werden zwar angeführt, zählen aber nicht zu den Bewertungskriterien. Von den 74 verkosteten Weinen stammten 60 aus dem aktuellen Jahrgang 2020, zehn Weine aus 2019 und der Rest verteilte sich auf 2018, 2017 und 2015.

... zum Verkostungsthema
Die Verkostungsergebnisse haben gezeigt, wie harmonisch und vielschichtig sich Roséweine nicht nur für den Einsatz im Sommer präsentieren. Erkennbar waren die Rebsortenunterschiede und Intensitäten in der Fruchtausprägung. Da die meisten Rosés aus 2020 über Gerbstoff, Säure und Frische verfügen, lassen sie sich wunderbar mit fast allen nicht stark gewürzten Speisen kombinieren.

Persönliches Highlight der Verkostungsleiterin
Die Überraschungen stammen vorwiegend aus Südtirol, da sich sämtliche Rosés vielschichtig, mineralisch und harmonisch präsentierten. Mein persönlicher Favorit war der 2019 La Rose de Manincor vom Weingut Manincor aus Kaltern, Südtirol.


DIE BESTEN DER BESTEN

GENUSS.Trophysieger: Klosterkellerei Muri-Gries, Bozen, Südtirol (I)

92 P. | Südtirol – Alto Adige DOC Lagrein Kretzer | € 9,90

Weingut Manincor, Kaltern, Südtirol (I)
91 P. | 2019 La Rose de Manincor (Lagrein, ME, CS, PN, Petit Verdot, Tempranillo, SH) | € 17,30

Weingut Kornell – Florian Brigl, Terlan, Südtirol (I)
90 P. | 2019 Merose (ME, CS, Lagrein) | € 13,60

Schilcherweingut Friedrich, St. Stefan, Weststeiermark
90 P. | 2018 Schilcher Ried Pirkhofberg Barrique Reserve (BW) | € 19,90
90 P. | 2020 Mezzosopran Blauer Wildbacher weiß gepresst (halbtrocken) | € 8,–

Strablegg-Leitner Panoramaweinhof, Leutschach, Südsteiermark
90 P. | 2020 Rosé Rosa (ME) | € 7,–

Weingut Steininger, Langenlois, Kamptal
90 P. | 2020 Merlot Rosé | € 9,–

Elena Walch, Tramin, Südtirol (I)
90 P. | 2020 Rosé „20/26“ (Lagrein, ME, PN) | € 13,–

Hier können Sie die Verkostungsergebnisse als PDF downloaden.